Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 5 (Mai 1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 98 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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- 98 — sich von den Seinen verstoßen fühlt und dessen Seele nach Höherem dürstet, der Drang zum Fabulieren; seine große Einbildungskraft und rege Phantasie befähigen ihn, oft die spannendsten Geschichten zu erzählen. Allerdings findet er in seinem Hause und bei seinen Lehrern wenig Interesse für seine fesselnden Erzählungen, nur in seinem um 5 Jahre jüngeren Bruder hat er einen begeisterten Zuhörer. Auch die Widerwärtigkeiten und Gehässigkeiten des Lebens machen sich ihm in seinen jungen Jahren fühlbar; ein Versicherungsagent in Freiburg, bei dem er eine Stellung gefunden hat, jagt ihn wegen eines geringen Vergehens aus dem Hause. Der eigentliche Grund aber dafür, daß er seine Stelle verliert, ist der, weil er Jude ist. Nun wird ihm zum ersten Male bewußt, eine welch tiefe und schier unüberbrück» bäre Kluft ihn, den Juden, von seinem christlichen Freund, den er in Zürich gefunden hat, trennt. Er, der bisher geglaubt hat, daß Juden und Deutsche nicht voneinander zu abstrahierende Begriffe seien, bekömfrit nun auf einmal zu hören, daß ein großer Unterschied zwischen beiden bestehe. Das will ihm nicht in den Sinn und er beginnt, darüber zu grübeln, was das Trennende wohl sein mag. , Er muß von seinem Freunde all die bitteren Anschuldigungen vernehmen, die man im tiefsten Mittelalter gegen die Juden erhoben hat, u. a. die, daß sie in ihrem Herzen einen unlöschlichen Haß gegen das Christentum »nähren und Christus als den Verräter Gottes und der Menschheit ansehen. Das schmerzt Wassermann, der sich in seinem Innersten als selbstbewußter Jude fühlt, tief. Nun wird er durch seinen Freund vor die Alternative gestellt, zu entscheiden, ob er Deutscher oder Jude ist, aber er vermag den Weg nicht zu erblicken, den er nach der einen oder der anderen Richtung gehen soll. Vergebens sucht er nach Vorbildern, nach denen er sich in dieser {schwierigen Entscheidung richten kann; aber auch bei Heine, - der damals als der Inbegriff jüdischer Leistung galt,v findet # er keine Lösung auf seine Frage. Im Alter von 23 Jahren entsteht sein erster Roman „Die Juden von Zirndorf', dessen Hintergrund die mystische Legende des Volkes ist, dem er sich mit allen Fasern seines Herzens verwandt fühlt. Schon an diesem Werke können wir die Schlichtheit der Wassermann'schen Sprache, die Frei* heit der Stilführung und die scharfe Charakterisierung der Personen bewundern. Als ein Gegenpol zu den „Juden von Zirndorfin denen er sein Bekenntnis zum Judentum ab- ' gelegt hatte, behandelt er in seinem nächsten Roman „Kaspar Hauser" ein durch und durch deutsches Problem; die Figur des prinzlichen Knaben ersteht hier aufs neue, und Wassermann versucht in seinem Roman {las mysteriöse Dunkel, das