Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 5 (Mai 1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 89 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 89 — Israel lebten ausländische Gelehrte, Staatsmänner und Heerführer, ebenso wie israelitische an den Höfen der fremden Herrscher wirkten. Den sinnfälligsten Beweis für die Assimilierung bietet aber die Zeit der babylonischen Gefangen» schaft, von der sogar die Propheten jener Zeit berichten, daß die Gefangenen ihre neue Heimat lieb gewonnen hatten und mit dem Ende der Gefangenschaft nur wenige Juden von der Erlaubnis, nach dem heiligen Lande zurückzukehren, Gebrauch machten. Diese Assimilierung erhielt sogar durch die Lehrer der babylonischen Hochschulen ihre religiöse Sanktion in der Vorschrift: „Landesgesetz ist Gesetz." Es folgte die Zeit der nachexilischen Volksfürsten, makkabäischen Könige und Hohepriester im heiligen Lande, die Epoche der „Hellenisten" in Ägypten und später im römischen Weltreiche, der Exilsfürsten (Reschgeluta) in Babylon und dem Oströmischen Kaiserreich, der jüdischen Staatsmänner an den Höfen der maurischen Fürsten und an den christlichen Fürstenhöfen in Spanien, Portugal, Italien, sowie an den Höfen der türkischen Sultane. Alle diese Staatsmänner, Gelehrte und Heerführer sind doch nichts anderes als „Assimilanten" gewesen, ohne ihre religiösen, geschichtlichen und kulturellen Vorstellungen völlig aufzugeben. Und haben die Juden in Deutschland nicht seit Jahrhunderten an der deutschen Kultur, Volkswirtschaft und Volksbildung mitgearbeitet, ohne ihre religiösen Vorstellungen, ihre „jüdische Seele" zu verleugnen? Haben die-. jenigen, die am lautesten die Assimilation und die Assimilanten schelten, nicht selber die von ihnen so hart verurteilte . deutsche Kultur in den Schulen und Bildungsanstalten genossen, an den Segnungen der deutschen Volkswirtschaft teilgenommien, sie durch eigene Arbeit zu einer so blühenden gemacht, obwohl deutsche Kultur, deutsche Volkswirtschaft und deutsche Volksbildung die unmittelbare assoziative Verschmelzung j.üdischer Vorstellungen* mit denen unserer Umgebung zu einem Ganzen darstellt? Das Interessanteste aber ist der Umstand, daß sich unter den gescholtenen Assimilanten sogar Jüdisch-Völkische befinden und in den Reihen ihrer Glaubensgenossen sowohl als auch bei den Andersgläubigen viel Anerkennung gefunden haben. Es ist dies eine kleine Zahl jüdischer Dichter, welche dem deutschen Volke eine Reihe von Romanen, Dramen und lyrischen Gedichten beschert haben. Und diese Dichter haben die Vorstellungen ihrer jüdischen Seele — oft sogar die religiösen — so innig mit denen des deutschen Volkes assimiliert, daß man tatsächlich aus ihren Worten weder ihr Glaubensbekenntnis noch ihre völkische Abstammung erkennen kann. Das ist also der klarste und deut-