Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 5 (Mai 1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2550626-2550646-2550651--395-2551122- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 86 - früherer Erfahrungen und des Sinneseindrucks entstanden zu denken." Diese Definition Wundt's ist auch für den Begriff der jüdischen Assimilierung entscheidend. In der jüdischen Seele leben religiöse, geschichtliche und kulturelle Vorstellungen in größerer Zahl als in den Seelen der Bekenner irgendeiner anderen Religion. Das ist eben in der Geschichte, der Kultur und der Religion unserer Glaubensgemeinschaft begründet. Unsere andersgläubige Umgebung ist dürch ihre jahrhundertelange gemeinsame Kultur, die sich auf der gemeinsamen Geschichte und dem gemeinsamen Be» kenntnis (Protestantismus und Katholizismus sind im Grunde genommen nur christliche Sekten) aufbaut, von anderen Vor- Stellungen erfüllt, wie wir. Das kann auch von uns, den liberalen Juden, nicht geleugnet werden. Wir unterscheiden uns ja ebenxnur dadurch von den Nichtliberalen, daß wir die Vorstellungen unserer jüdischen Seele mit den zusammengesetzten Vorstellungen unserer Umgebung unmittelbar assoziativ zu einem Ganzen verschmelzen wollen. Eine solche Verschmelzung fordert aber niemals ein völliges Aufgeben unserer eigenen kulturellen, religiösen und geschichtlichen Vorstellungen und dafür ein Eintauschen der Vorstellungen unserer andersgläubigen Umgebung. Genau so wie eine chemische oder physiologische Verschmelzung verschiedener Stoffe, oder eine Verbindung physikalischer Kräfte als Ganzes stets noch die" Eigenschaften, bezw. Erscheinungen der Einzelstoffe (Kräfte, Atome) in einem gewissen Umfange er* kennen läßt. Sehr oft tritt diese „Assimilation" verschiedener Stoffe und Kräfte von selbst ein und nicht auf dem Wege wissenschaftlicher Experimente. Und ebenso wenig wie eine sdfche unfreiwillige Assimilation der Naturkörper und Naturkräfte verhindert werden kann, und so notwendig wie eine durch wissenschaftliche Experimente herbeigeführte Assimilation dieser Naturkörper und Naturkräfte gerade im Interesse der Volksgesundheit, Volkswirtschaft und Volksbildung ist, ebenso wenig können und dürfen wir uns der Assimilation, d. h. der Verschmelzung von Vorstellungen in unserer jüdischen Seele mit den Vorstellungen unserer andersgläubigen Umgebung entziehen, selbstverständlich unter den oben: angedeuteten Voraussetzungen. III. Es ist nunmehr zu untersuchen, welche religiösen, ge* schichtlichen und kulturellen Vorstellungen der jüdischen Seele wir freiwillig mit den Vorstellungen in den Seelen unserer andersgläubigen Vorstellungen unmittelbar und assoziativ zu einem Ganzen verschmolzen haben oder unfreiwillig auf Verlangen dieser Umgebung noch verschmelzen sollen