Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 4 (April 1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 70 — gesprochen, was den Iiis noch fehlt: Die Dämme, die Steifheit im Leben aufrichtet, wurden noch nicht durchbrochen, die Menschen scheinen einander meist noch fremd zu sein, gär nicht davon zu reden, daß Streben noch nicht herrscht nach freiem, natürlichem Sichgeben und dem Nichtbeachten von Äußerlichkeiten, die gesunde Art und der Mut, offen heraus zu sagen, was man denkt, der Drang vollends, sich über die Schranken der Gesellschaft hinwegzusetzen, wenn es nottut, alles notwendige Postulate einer Jugendbewegung, die wie die Kameraden ihren Gliedern nicht nur Wissen beibringen will, sondern auch auf deren Charakterbildung zielt. Daß diese Forderungen großen Teiles nicht im Rahmen der Iii- Arbeit liegen, weil sie einmal eine viel schärfere Erfassung der Vereinsmitglieder bedingen, als diejenige ist, die den Iiis bisher möglich war, und weil zweitens der größte Teil der Iiimitglieder— ist er schon zu alt dazu? — nicht zu seiner rein menschlichen Erziehung in die Vereine kommt, dessen bin ich mir wohl bewußt. Aber man sollte so viele jener Forderungen übernehmen, wie es nur irgend möglich ist, und man sollte vor allem ihren Wert etwas deutlicher erkennen. Indessen, was die Kameradenbewegung der Jugend an Aktivität und Schwungkraft, an Befreiung und Frische, an Klärung und Zielweisung gegeben hat, soll hier nicht noch einmal dargetan werden. Im Gegenteil soll auf einen Punkt hingewiesen werden, in dem die Kameraden den Iiis nachstehen, nämlich in der eindeutigeren Formulierung und der stärkeren Betonung des jüdischen Zieles. Wenn in der Kameradenbewegung nicht nur dem Judentum gegenüber Gleichgültige, sondern sogar es Ablehnende stehen, so ist sie darin ein Spiegelbild der jüdischen Jugend Deutschlands überhaupt (denn z. B. auch der K.C. umfaßt erschreckend viele Trutzjuden), und meine Ausführungen erhalten über die Themastellung „Iii und Kameraden" hinaus allgemeinere- Bedeutung. Beschämend und traurig erscheint die Tatsache, daß so viele junge Herzen dem Judentume entfremdet oder vielmehr fremd sind, denn sie waren ihm nie nahe. Liegt die Schuld hieran etwa bei der geistigen Struktur des jüdischen Menschen, dessen scharfer Verstand religiöse Gefühle nicht aufkommen läßt und aufkommende unterdrückt? Oder soll man sie nicht vielmehr, diese Schuld, bei den aufgehäuften Vorurteilen suchen, zu deren Zerstreuung die Erziehenden und Lehrenden zu wenig oder zu Schlechtes getan haben? Genug, ein erheblicher Teil der jüdischen Jugend Deutschlands kennt die Religion gar nicht und verachtet sie doch, weil er in ihr freies Leben einschnürendes orthodoxes Judentum, ein leeres System von Formen, Gesetzen und Gebräuchen oder gar eine Art fleischabtötendes Christentum sieht und sehen zu müssen glaubt. Was dagegen sollte, muß