Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 4 (April 1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2550626-2550646-2550650--379-2551105- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 71 — Judentum sein, wenn es ein Teil vom Lebensinhalt werden soll der Jugend und vor allem der neuen Jungmenschen, ein Pol, um den Denken und Empfinden, Gefühle, Meinungen, Anschauungen schwingen? Es darf nicht sein ein festes, starres Etwas, das sich aller Weiterbildung und Fortentwicklung widersetzt, ein Hemimschuh jeder freien Entfaltung. Es darf nicht ängstlich bemüht sein, jeden Schritt des Lebens in seinem Sinne zu regeln. Das Judentum ist viel zu schade, viel zu heilig, um sich an die Kleinlichkeiten des Lebens zu verlieren. Nein, Judentum muß zum Natur- und Gotterlebnis werden, die Brücke werden, auf der der Menschengeist sich jubelnd und erschauernd aufwärts schwingt! Die heiligen Stunden, wo dunkel das Mysterium der Ewigkeit an das Herz rührt, sind berufene Führer zu Gott und Religion. Und prüft Euch einmal, ob Ihr nicht schon allej in Augenblicken wenigstens, von dem Geheimnisvollen und Rätselhaften des Lebens und Alls seid überwältigt worden, Ihr Klugen, für die die Welträtsel schon gelöst oder zum Mindesten lösbar sind! Schon viele haben sich heiß um ihre Lösung gemüht. Aber sind wir eigentlich so unendlich viel weiter gekommen seit der Zeit der großen griechischen Denker? Ich dächte nicht, weswegen es dehn gewiß ist, daß manche Schleier des Lebens sich nie vor unseren Augen heben werden. Gewiß würde man aber dem Sinn des Judentums nicht gerecht, wollte man nicht betonen, daß es andrerseits fest an der Erde haftet, die Verhältnisse des Lebens mit seinem Geiste zu durchdringen sucht. Man darf ruhig sagen, das Judentum ist mehr Diesseitsreligion denn Jenseitsreligion, und man gibt ihm damit erst die spezifische Färbung. Erhöht doch seinen Wert und seine Würde die Tatsache, daß fast nirgends im, Schrifttum das Jenseits eine eingehende Schilderung erfährt, nirgends höchst irdische Freuden und höchst irdische Qualen dem Menschen verkündet und angedroht werden. Und fernerhin steht die Vertröstung'auf „Hinterwelten", die das Christentum proklamiert, weit zurück hinter dem letzten Endziel des Judentums, das heißt: Weihe und Heiligung des Daseins, wozu freilich bestimmte Formen gehören — wenn auch nicht gerade die jetzt bestehenden. Die Erde ist also kein Jammertal, wahres Glück nicht erst in einer anderen Welt zu finden, der Leib keine lästige, zu verachtende Fessel der Seele, sondern Leib und Seele im Verein, als Ganzes, als Einheit, imstande, ja berufen, — dereinst das Gottesreich auf Erden zu verwirklichen, denn es soll ja zwischen den Menschen verwirklicht werden, nicht über ihnen. Indessen, unendlich viele Stationen wird der Menschengeist bis dahin noch zu durchwandern haben. Denn man braucht wahrlich kein Mucker oder Moralist zu sein, um zu erkennen, daß ia großen Teilen der heutigen Jugend Oberflächlichkeit und Leichtlebigkeil: