Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 4 (April 1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 66 — Einheit in Gott, der beider Schöpfer und Regierer ist. Und das Abbild und Gegeribild Gottes ist der Mensch, der beider Welten Bürger ist. Darum aber feiert Israel kein Naturfest ohne gleich-' zeitige Beziehung auf die Geschichte, auf die Gottesoffenbarung in der Sittenwelt. Das Frühlingsfest ist gleichzeitig das Fest der Befreiung aus ägyptischen Sklavenfesseln, der Gott, der die Natur aus dem Winterschlaf löst, ist auch der Gott, der die Sklavenfesseln zerbricht. Der Gedanke der Freiheit eines jeden Menschen, der Gleichheit aller tritt gerade am Peßachfeste mit ungeheurer Wucht in die Erscheinung. Der sittlich religiöse Wert dieses Gedankens kann gar nicht hoch genug angeschlagen werden. Und als etwas fast Ubermächtiges muß die Tatsache anerkannt werden, daß das Judentum mit dieser Idee und als ihr Träger seine geschichtliche Laufbahn begonnen hat. Dieser Gedanke hat aber eine ungeheure sittliche Energie ausgelöst. Gerade der offen zutage liegende Gegensatz dieses Ideals zu der Wirklichkeit hat die sittliche Kraft gestählt. Der Urquell des Freiheitsideals, der Schöpfer der Freiheit ist Gott, wie Gott gleichsam ihr Bürge ist. Darin lag für das: Judentum zwar nicht die Wirklichkeit, wohl aber die Sicherheit der Verwirklichung und damit die Wahrheit dieser Idee. Wohl keine zweite Gemeinschaft hat im Verlauf ihrer Geschichte so viel und so schwer unter Bedrückung und Verkümmerung der elementarsten Rechte menschlicher Freiheit geseufzt wie das Judentum, und keine hat mit solcher innerer Anteilnahme alljährlich das Fest der Befreiung gefeiert. Die Wiederkehr des Peßachfestes mußte mehr und mehr die Überzeugung erwecken, daß Freiheit nicht ein äußeres Gut ist, sondern eine sittliche Forderung, der auch unter Druck und in Not gerecht zu werden die Aufgabe ist. Das Wahrzeichen dieser Freiheit ist das Sittengesetz und ihr Ziel die höchste Stufe menschlicher Entwicklung, wie die Propheten sie in der messiariischen Zeit schildern. So fügt sich fast mit Notwendigkeit an die geschichtlichen Erinnerungen des Peßachfestes die geschichtliche Hoffnung, ja Zuversicht, das „Peßach der Zukunft". So wird der Prophet Elia, den die aus der jüdischen Volksseele herausgewachsene Legende zum Vorläufer des Messias macht, gleichsam der Gast am Sedertisch. Wie auf der Wüstenwanderung dem Volke als Ziel in weiter Ferne das gelobte Land winkte, so hat das Judentum auf diese Weise stets ein fernes Ziel vor Augen gehabt. Der Weg führt nicht geradlinig auf dies Ziel zu, und zeitweise scheint es, als ob die entgegenstehenden Hindernisse unüberwindlich seien. Dennoch haben diese Gedanken die Kraft zum Ausharren und zum Vorwärtsschreiten gegeben. Mochte