Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 3 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 55 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— 55 — kosmopolitische. Ist das kein Glaube, ist das kein Ideal? Diesen Glauben, dieses Ideal kann aber auch jeder andere Mensch haben, dazu braucht er nicht Jude zu sein. Und deswegen bitte ich Sie, gerade Sie als Theologen Und als Jugendkämpfer, mir obige Fragen zu beantworten, zu erklären. Ich hoffe, daß ich hierdurch einige Anregungen auch für andere zu einer Erwiderung auf diesem Wege gegeben habe; denn es ist wahrlich besser, MStarbeiter, Mitkämpfer zu haben, die mit ihrem ganzen jugendlichen Feuer für eine Idee arbeiten, als nur Maschinen, dann lieber untergehen. Kurt Nothmann, Breslau. Brief an einen neu gegründeten „Iii". Von Josef Wolf, Heidelberg. Mit Eurem lieben Brief habe ich mich sehr gefreut, ganz besonders, daß ich Euch als Gesinnungsgenossen begrüßen darf. Ihr fragt mich wegen Büchern, und öa kann ich Euch leider nicht viel helfen. Wißt Ihr denn überhaupt schon, was liberal heißt? Glaubt ja nicht, daß es mit der einfachen Übersetzung des Wortes getan ist. Liberal heißt wohl frei, damit ist aber sicher nicht gemeint, daß wir nun vollkom(men frei gegenüber unseren Religionsvorschriften sind, sondern wir sind nur gegenüber dem orthodoxen „Muß" frei und nehmen das Recht, unsere Vorschriften kritisch zu beleuchten und selbst als Menschen deren Wert erkennen zu wollen. Ihr, die Ihr schon älter seid, lest in der Bibel und vor allen Dingen mache ich Euch darin auf unseren Religionstifter Jakob aufmerksam. Wißt Ihr denn schon, wer der ureigentliche liberale Religionsbekenner war (in unserem Sinn)? Als Jakob mit dem Engel, dem Sendboten Gottes, rang, was natürlich nur bildlich zu verstehen ist, weshalb die Bibel von einem Traum und nicht von dem realen Wachsein spricht, erhielt er den Namen Isroel Gotteskäm|pfer, was dasselbe bedeuten will, wie „der sich seinen Gott- und Religionsbegriff selbst Erringende". So sollen wir alle Israeliten Gottessucher und Kämpfer sein. Erst viel später kam, durch, die damalige politische Lage bedingt, als das Religionsgesetz zugleich Staatsgesetz wurde, das Muß hinzu; und dieses dogmatisch-gesetzliche Mjuß können wir ohne Bedenken, da wir jetzt kein Staat mehr sind, viel weniger sein wollen, über den Haufen werfen und wieder echte Israeliten werden.1* In diesem Sinne nehmt Euch nun jede Lektüre und betrachtet dieselbe kritisch, erkennt das Wertvolle und verwerft das Nichtige. Aber nur Ihr, die Ihr schon älter seid, dürft lesen, den Jüngeren müßt Ihr erzählen, denn sie sind noch nicht