Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1921-03-01 · Heft 3 (März 1921) · p. Seite 54

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1921
Issue
Heft 3 (März 1921)
Date
1921-03-01
Page
Seite 54 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2550626-2550646-2550649--361-2551086
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 54 — an den überlieferten Gottesbegriff glauben können, den liberalen Vereinen und damit dem Judentum erhalten bleiben. Aber wollen Sie wirklich nur Maschinen in unseren Iiis haben, die gedankenlos an dem Gottesbegriff vorübergehen, worauf nun einmal die jüdische Religion, wenn man die Bibel usw. verfolgt, fußt? Nein, das wollen Sie nicht, denn Sie sagten ja selbst,--■ wir wollen suchen und wieder suchen--; und wer Sie außerdem, wie ich, aus Ihrer Tätigkeit, Ihren Vorträgen bei uns in Breslau her kennt, der kann auf diesen Gedanken nie kommen. Deshalb und sicher in Ihrem Sinne, sehr verehrter Herr D;oktor, und zugleich in dem vieler meiner Altersgenossen richte ich diesen „Offene n Brief" an Sie. Schon immer wird an diesem einen Punkte, sicher dem Hauptpunkte, wie „von der Katze um den heißen Brei" herumgegangen. Jugend ist Kampf, innerer Kampf! Welchem jungen Menschen sind diese unzähligen Fragen nicht aufgestiegen: Wer ist Gott? — Was ist Gott? — Was soll ich mir unter Gott vorstellen? An etwas, was ich nicht verstehe, kann ich nicht glauben, Beten kann ich nur zu etwas Höherem, von dem ich mir eine Vorstellung machen kann. Mit diesen vielen Ausreden, ich muß es soi nennen, Gott ist etwas Höheres, dem Menschen Unfaßbares, ihm nur Ahnendes, ist einem logisch denkenden Menschen nicht geholfen. Auch ich muß Ihnen, wie der bei Ihrem Vortrage angeführte Arzt, das Zugeständnis machen, daß mich dem Gefühle nach, ich scheide zwischen Vernunfts- und Gefühlsmiensch, unnennbare Bande, ob es gerade die Mischpoche ist, weiß ich nicht, mit dem Judentum verbinden. Ich spreche hier als Vernunftsmensch. Als ein solcher karfn ich das Gebet nur als eine Feigheit betrachten, insofern als — nehmen wir ein praktisches, drastisches Beispiel an — ein Ertrinkender in seiner letzten Not ein Gebet spricht, durch welches er vielleicht errettet zu werden glaubt. Ich kann dann dem Gebet (der Religion) nur als Erziehungsproblem seine Daseinsberechtigung geben. Wie map einem Kinde mit Strafe droht, so auch Erwachsenen, ins Leben getretenen, indem man ihnen etwas entgegenhält, vor dem sie sich zu verantworten haben über ihr Tun und Lassen. Dies haben aber nur die nötig, die nicht selbst soviel innere sittliche Kraft haben, Gut und Böse zu scheiden. So kann man sich auch die Zeit des Messias erklären. Es könnte die Zeit sein, in der alle Menschen so weit sind, daß sie sich selbst Gott sind, d. h. sie brauchen keine Religion, dann gibt es auch keine sonstigen Gemeinschaften, dann gibt es eben nur Menschen, Brüder. Sie sagen, sehr verehrter Herr Doktor, man solle Glauben, Ideale haben. Nehmen wir z. B. an, ich hätte das eben erwähnte,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.