Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 3 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 50 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2550626-2550646-2550649--357-2551082- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 50 — Wir nennen uns eine jüdisch-liberale Jugendbewegung". Als jüdisch-liberale Bewegung hatten wir aus denselben Gründen Mißerfolg, aus denen die Altersorganisation in sich zusammenzufallen droht. Müssen wir aber nicht auch Jugend bewegung sein! * * * Paul Tillich*>, der Berliner Privatdozent, sagt in seinem schönen Aufsatz über „Jugend und Religion": „Jugend ist Erfaßtsein vom Unendlichen. Darum gibt es nichts Unerträglicheres als unreligiöse Jugend, darum spreche ich jeder Jugend die „Jugend" ab, die sich selbst die Religion abspricht; darum ist das Maß des Jugendseins die Stärke der religiösen Schwingungen, die Kraft des Bewegtseins von den absoluten Kategorien .... Die Jugend und die Religion — zuerst welche Jugend? Nicht die selbstverständliche gläubige, die den Kinderglauben durch schwache Krisen hindurchrettet, die früh zur inneren Festigkeit kommt, dem Teufel „Denken" schnell ihr „apage!" zuruft und den zuverlässigen Nachwuchs des positiven Kirchentums aller Religionen bildet! . . . Auch nicht die selbstverstähdlich ungläubige ist gemeint, die tien Kinderglauben und seine Seligkeiten nie erfahren hat, die Natur oder Kunst oder Sozialismus oder gar Profit und Flirt an der Stelle hat, wo Kinderglaube stehen soll .... Auch nicht die gleichgültige ist gemeint, die gläubig und ungläubig sein kann (das ändert nichts an der Sache), die sich gut im Leben zurechtfindet, auch in die Kirche geht, auch national ist und die Religion andern erhalten wissen will, die kein Ja und kein Nein kennt, die nie unter der Last und der Spannung absoluter Kategorien, letzter Tiefen gestanden hat, die nicht warm und nicht kalt ist und darum einen schlechten Geschmack hinterläßt .... »Jugend" haben, heißt vom festen Land her auf das wogende, unermeßliche Meer sehen; noch steht man auf festem Boden, aber vor einem liegt das Unfeste, Unbekannte, Unendliche und hält den Blick im Bann; die unendliche Weite, sie wird hineingezogen in die eigene Brust und will sie zersprengen. Immer ist das Unendliche das Element, in dem die Seele der Jugend sich findet. . Jugend ist Erfaßtsein vom Unendlichen, und darum: Jugend ist Religion". * . * * Wo ist solche Jugend im Iii!? Wo ist bei uns noch pulsierendes Leben? *) Aus Grabowsky-Koch, „Die freideutsche Jugendbewegung".