Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 2 (Februar 1921)
- Date
- 1921-02-01
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 31 — .; lieh von ihren Stamimeshelden mit größerer Liebe und darum ausführlicher als von den Heroen eines anderen Stammes, und es ist auch begreiflich, daß der Gegner eines Stammes, der ihm viel Schaden zugefügt, in den Liedern und Erzählungen des unterdrückten Stammes nicht gerade freundlich erwähnt wurde. So erklärt es sich ganz zwanglos, daß wir in der Bibel verschiedene Quellenschriften nachweisen können, deren Unterschiede aus den eben dargelegten Verhältnissen zu verstehen sind. Natürlich kommen dazu auch nöch Unterschiede sprachlicher Art. Auf diese wollen wir hier nicht eingehen. Der Verlauf der israelitischen Geschichte ist nun bekanntlich der gewesen, daß nach der Eroberung des Landes Kanaan zunächst ein einheitliches Königreich entstand. Nach dessen Zerfall gab es ein größeres nördliches Reich, das den alten' Namen Israel weiterführte, weil es das bedeutendere war. In ihm führte der Stamm Joseph bezw. Ephraim und Manasse die Vorherrschaft. Der kleinere südliche Teil des Volkes scharte sich um das Haus Davids und die zwischen Juda und Benjamin gelegene Hauptstadt Jerusalem. Dieser Teil nannte sich selbst Juda. Als das nördliche Israel im Jahre 722 von den Assyriern vernichtet war, blieb nur Juda übrig, und in ihm gewannen allmählich die Priester neben dem König den größten Einfluß. Aus diesem geschichtlichen Verlauf ergibt es sich, daß die Erzählungen aus der israelitischen Geschichte wahrscheinlich in zwei Formen vorhanden waren, von denen die eine im Nordreiche und die andere im Südreiche entstanden bezw. verbreitet war. Bei der Eifersucht, die zwischen den beiden Reichen bestand und sich oft bis zum Haß steigerte, ist es begreiflich, daß man im Reiche Juda nach dem Untergange Israels dessen Erzählungen der Vergessenheit anheim fallen ließ bezw. sie vom judäischen Standpunkte aus bearbeitete. Und als im Südreiche der Einfluß der Priester wuchs, wurde alles von ihrem Standpunkte aus bearbeitet. Wir wollen für das Gesagte einige Beispiele anführen. Saul erscheint in der Bibel als ein schlechter, von Gott abgefallener König, und doch ist sein „Vergehen", sein Ungehorsam gegen Samuel nur geringfügig und vom Standpunkt des siegreichen Königs wohl begreiflich. Da sein Fehler aber gegen einen Priester gerichtet war, noch dazu gegen den, der das Haus Davids auf den Thron erhoben hat, so ist die Stellungnahme des biblischen Schriftstellers begreiflich. Andererseits zeugt es von Unparteilichkeit, wenn aus dem Leben Davids manche Züge berichtet werden, die wir als unmoralisch bezeichnen müssen. Die Geschichte Ahabs. des Königs von Nordisrael, zeigt deutlich zwei getrennte Richtungen. Nach der einen ist er