Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 2 (Februar 1921)
- Date
- 1921-02-01
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- 28 — einsehen, warum wir einen Tag für dieses physische Ausruhen und dann noch, wenn auch nur einen Abend, für unsere geistige Erhebung brauchen wollen. Wir werden doch nicht so verblendet sein, zu glauben, ein wirklich tief veranlagter Christ brauche keine Zeit für seine innere Erhebung, ihm steht doch schließlich auch nur der Sonntag dazu offen. Es wird in dieser Beziehung in dem einen Lager so sein wie in dem anderen: die tief veranlagten Menschen werden in der inneren Erhebung, in der religiösen Konzentration ihre Ruhe finden, die oberflächlichen in äußerem Vergnügen. Und wenn man selbst am Sonntag nachmittag irgendeinem Vergnügen nachgeht, so steht das durchaus nicht im Widerspruch mit einem Gottesdienst am Vormittag. _ Ganz im Gegenteil, ich bin der festen Überzeugung, daß ein Mensch, der wirklich vom Gottesdienst innerlich bewegt wird, gar nicht imstande ist, sich am Nachmittag den trivialsten und menschenunwürdigsten Vergnügungen hinzugeben. Das wäre das Eine, das ich gegen die Ausführungen von Ernst Seligsohn einzuwenden habe. Außerdem aber scheint mir seine Lösung der Sabbathfrage nicht sehr günstig. Er teilt die Ausgestaltung des Freitagabends in xzwei Teile, einen gottesdienstlichen und einen häuslichen. Ganz abgesehen davon, daß der Freitagabend kein Ersatz für den Sabbathtag ist, scheint mir die häusliche Feier, wie sie sich Ernst Seligsohn denkt, eine reine Utopie; denn wenn wir uns einmal ganz ehrlich fragen, in wie vielen Häusern heute noch ein Freitagabend gehalten wird, wie viele unserer Eltern zu einer wirklichen religiösen Konzentration fähig sind, so ist die Antwort wahrhaft beschämend. Scheuen wir doch nicht, es auszusprechen: das Gros unserer Eltern ist religiös vollkommen indifferent, hat absolut keine innere Einstellung zu religiösen Fragen, geschweige denn zu religiösen Formen. Und selbst wenn viele Eltern heute aus Liebe zu ihren Kindern einen Freitagabend feiern, so ist das kein sehr großer Gewinn, denn sobald die Kinder erst merken, daß die Feier für ihre Eltern kein wirkliches Erleben bedeutet, wird diese für sie wertlos, ja bringt sie oft in schwere Konflikte. Wenn uns überhaupt die Erhaltung des Sabbaths — und nicht zum mindesten der häuslichen Sabbathfeier — am Herzen liegt, können wir nur auf dem Weg über die Jugend zu unserem Ziele gelangen. Wie ist das aber möglich? Auf die Erziehung durch das Haus kann kaum gerechnet werden, bleibt also nur noch die Einwirkung durch den Gottesdienst. Der Mensch muß Formen und Gebräuche vor sich sehen, um sie selbst später einmal zu üben, zu allem, auch zur Ausübung der religiösen Formen muß der Mensch ausgebildet