Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 2 (Februar 1921)
- Date
- 1921-02-01
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 27 — Jetzt ist durch das gewährleistete freie Wahlrecht beiderlei Geschlechter den Liberalen einmal die Möglichkeit gegeben, in großem Ausmaß festzustellen, welche lebendigen Kräfte im Reich hinter ihnen stehen. Es ist die Möglichkeit gegeben, die Stärke des liberalen Gedankens bei den Juden Deutschlands zu erproben und in eine umfangreiche Werbe- und Weckarbeit einzutreten. Diese Möglichkeit schließt zugleich eine schwere Verantwortung in sich. Im ganzen Reich wird die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland in eine intensive Werbetätigkeit einzutreten haben. Mit Schlagworten wird nicht viel auszurichten sein. Es wird zu zeigen sein, daß nur ein religiöses, fest gegründetes, auf dem Boden Nder Wissenschaft und der Fortentwicklung stehendes, auf Grundsätzen religiöser Wahrhaftigkeit ruhendes Judentum Träger der jüdischen Zukunft in Deutschland sein kann. Nicht nationale Ziele, sondern Verinnerlichung und Vertiefung der im Judentum in reichem Maße ruhenden sittlichen und seelischen Kräfte können das Judentum erhalten und künftigen Geschlechtern fortpflanzen. Es ist eine ernste, gefährliche Probe, die das liberale Judentum in Deutschland zu bestehen hat. Alle Kräfte werden angespannt werden müssen. Versagen die Liberalen bei dieser ersten und höchsten Probe, so haben sie für absehbare Zeit in Deutschland ausgespielt und verdienen, ausgespielt zu haben. Wir aber glauben an den Sieg unserer Sache, weil wir von ihrer Wahrheit und Sieghaftigkeit im tiefsten Herzen überzeugt ind. Möge das deutsche liberale Judentum beweisen, daß es nicht nur schöner Worte fähig ist, sondern auch, wenn es darauf ankommt, großer Taten! St. Zur Sabbathfrage. Gegen zwei Punkte des Aufsatzes von Ernst Seligsohn in der November-Nummer unserer Blätter möchte ich mich wenden. Er schreibt dort: „Ein Ausruhtag ist der Sabbath nicht." Es klingt schon paradox, wenn man sich einmal überlegt, daß das hebräische Wort rOtP nichts anderes als Ruhetag bedeutet. Und wenn man sich einmal das vierte Gebot sowohl in der ersten wie auch in der zweiten Fassung ansieht, wird man in beiden Begründungen das Wort fDttf finden. Gewiß ist der Sabbath nicht nur Ruhetag, soviel steht aber fest, daß er zti allen Zeiten auch Ruhetag gewesen. Mir scheint überhaupt das Verlangen nach physischer Ruhe ursprünglich zum Sabbath geführt zu haben. Und daß jeder Mensch noch heute dieses physische Ausruhen gebraucht, gibt ja auch Ernst Seligsohn zu. Aber er meint, das könne für uns Juden nur am Sonntag geschehen. Ich kann nun beim besten Willen nicht