Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1920)
- Date
- 1920-12-01
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 246 - vermögen und über welche das letzte Wort zu sprechen wir der Geschichte überlassen müssen, verbieten es uns leider, in dem Umfange von Verleumdungen zu reden, wie wir bisher glauben durften, hierzu berechtigt zu sein. So bedeutend aber die zu machenden Abstriche auch sein mögen, es bleibt doch genug übrig, um das Urteil zu begründen, daß plötzlich eine Flut von nicht verdienten Beschimpfungen und Verdächtigungen sich gegen das deutsche Volk herangewälzt und es zu ersticken gedroht hat. Ich denke hier nicht so sehr an die Beurteilung bestimm^ ter geschichtlicher Vorgänge, als vielmehr an die gröbliche Verzerrung in der Auffassung des deutschen Nationalcharakters, an die Verkennung und Mißdeutung des bewunderungswürdigen geistigen und wirtschaftlichen Aufschwunges, welchen das deutsche Volk in den vorausgegangenen Jahrzehnten des Friedens hatte erleben dürfen und welcher ohne ein hohes Maß von Idealismus und von sittlicher Kraft ja gar nicht denkbar gewesen wäre. Ich brauche Sie nicht an Einzelheiten zu erinnern: Was nur böswillige Gehässigkeit zu erdenken vermochte, ist aufgeboten worden, um den Deutschen in den Augen der Welt nicht als den im offenen und ehrlichen Kampfe niederzuringenden Gegner, sondern als ein hassens- und verabscheuungswürdiges Geschöpf, dessen Vertilgung als eine verdienstliche, ja beinahe als eine gottgefällige Handlung betrachtet wurde, erscheinen zu lassen. Kein Widerspruch war zu'augenfällig, keine Verallgemeinerung bedauerlicher Einzelfälle zu ungerecht, als daß nicht in skrupelloser Weise Gebrauch davon gemacht worden wäre. Das deutsche Volk ist durch diese Angriffe nicht an sich selbst irre geworden, es hat durch sie nicht den Glauben an sich selbst verloren. Wie könnte ich nun aber aller dieser Dinge gedenken, ohne daß eine ebenso naheliegende, wie schmerzliche Vergleichung sich mir geradezu aufdrängen würde: die Erinnerung an den Haß und an die Beschimpfungen, welche, seitdem es eine jüdische Geschichte gibt, die verhängnisvolle und traurige Begleiterscheinung derselben gewesen ist. Unsere christlichen Mitbürger haben dieses System der zu Unrecht den Namen eines geistigen Kampfes führenden Lüge eigentlich jetzt zum erstenmal in seiner ganzen Ausdehnung und Furchtbarkeit kennen gelernt und sind ihm deshalb zunächst wie gelähmt und fassungslos gegenübergestanden, wir Juden sind von jeher in einem solchen Maße an dasselbe gewöhnt, daß wir vielfach in den entgegengesetzten Fehler verfallen sind, in ihm eine unentrinnbare, gewissermaßen gottgewollte Fügung zu erblicken. Mehr als einer unter uns hat in bitterer Ergebung in das Unabänderliche