Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 11 (November 1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 233 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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— 233 — per. Hirn und Glieder. Der erstere wirkt in der Stille, besonders im Verkehr mit Regierungen und Behörden, der Centraiverein in breitester Oeffentlichkeit. Lange Zeit, seit Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, hatten die deutschen Juden unter dem Wiederaufleben des Antisemitismus zu leiden, sie litten ohne zu klagen. In den führenden Kreisen sträubte man sich, osffen und mutig gegen die um sich greifende Strömung aufzutreten, man suchte die Gefahr zu übersehen, glaubte mit Mahnungen zur Bescheidenheit und Einfachheit die Bewegung zum Stillstand bringen zu können. Es gab kein jüdisches Solidaritätsbewußtsein, der Reiche und sozial Höherstehende glaubte nicht an die Allgemeinheit der Feindseligkeit, ließ sich durch Redensarten „wir haben nichts gegen den anständigen, gebildeten Juden" blenden. Aber mehr und mehr erstarkte wieder das Gefühl der Zusammengehörigkeit, mehr und mehr besannen sich die leitenden Kreise auf Männerstolz; der Mangel einer starken Abwehrorganisation wurde von Tag zu Tag fühlbarer. Als dann freisinnige und vorurteilslose Christen, vor allen Gneist und Rickert, zusammengetreten waren, um im Verein mit politisch hervorragenden Juden den „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" zu gründen, da erwachte die deutsche Judenheit aus ihrem Schlumrner und im Jahre 1893 wurde der Centraiverein gegründet. Stolz trat er offen mit seinem Zweck hervor; „Die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens ohne Unterschied der religiösen und politischen Richtung zu sammeln, um sie in der tatkräftigen Wahrnehmung ihrer staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung sowie in der unbeirrten Pflege deutscher Gesinnung zu bestärken." Zur Erfüllung dieser Aufgabe bedient sich der Verein aller zweckdienlich erscheinenden moralischen und gesetzlichen Mittel. Insbesondere gewährt der Verein in geeigneten Fällen Rechtsschutz und erwirkt aufklärend und belehrend durch Wort und Schrift. Seine Vereinszeitschrift trägt den Titel „Im deutschen Reich". Jüdische Männer und Frauen, die das 18. Lebensjahr überschritten haben, können Voll-Mitglieder des Vereins werden. Der Centrai-Verein zählt heute über 50000 Mitglieder, die alle das Recht und die Pflicht in sich fühlen, Selbstverteidigung im vollsten Lichte der Oeffentlichkeit zu üben, die dem mutigen Grundsatze huldigen: wer angegriffen wird, soll sich wehren! Die Mitglieder des Vereins stehen fest auf dem Boden der deutschen Nationalität," aber ihre Religion, ihre Rechte, ihre Persönlichkeit, wollen sie gegen offene und heimliche Angriffe im Wege des Rechts schützen.