Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 11 (November 1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 223 — werden darf, halte ich die von ihm angegebene Lösung nicht gerade für glücklich. Dies hat folgende Gründe: Der christliche Sonntag ist nicht dazu geeignet, jüdischer Sabbath zu werden. Denn abgesehen von der verhältnismäßig geringen Zahl der Kirchgänger, begeben sich unsere christlichen Mitbürger besonders in den Großstädten am Sonntag ins Freie. Und da sollten wir in die Synagoge gehen? Ich glaube, es würde uns ein gut Stück Selbstüberwindung kosten, regelmäßig — ja sogar auch nur mehrmals — am Sonntag vormittag den Tempel zu besuchen. Und solange wir uns erst zu diesem Tempelgang zwingen müssen, solange können wir nie die wahre Andacht erlangen. Denn wir gehen aus religiösem Bedürfnis in die Synagoge. Doch wir brauchen ja auch heute einen Ausruhtag, und das kann für uns nur der Sonntag sein; denn nur an ihm können wir des Werktags Mühen und Sorgen von uns abstreifen, um einmal auszuspannen und um uns — jeder auf seine Art — zu vergnügen. Und ein Ausruhtag ist der Sabbath nicht. Ferner aber kämen wir auch in den gleichen inneren Widerspruch, wie wenn wir den Sonnabend als Feiertag beibehielten, daß wir nämlich nach dem Gottesdienst zwar nicht, wie es heute zu geschehen pflegt, an unsere Geschäfte, dafür aber an die Vergnügungen eines Sonntag nachmittag gingen. Wie aber kommen wir aus diesem Dilemma? Sonnabend und Sonntag als Feiertag nicht möglich; was bleibt denn da noch übrig? Und an der Einrichtung des Sabbath müssen wir festhalten — oder sie vielmehr uns wieder erringen! Nun, es gibt ja noch den Freitagabend und gerade ihn würde ich zum Sabbath ausgestalten. Man halte mir nicht die Kürze des Abends entgegen; gerade, weil er nur einige wenige Stunden hat, ist er für uns moderne Menschen so geeignet, eine wirklich religiöse Feier zu werden. Denn wenn wir uns nichts vormachen wollen, müssen wir uns eingestehen, daß wir uns allwöchentlich nicht einen ganzen Abend und einen Vormittag der religiösen Erhebung hingeben können. Die alten Griechen freilich brachten es fertig, einen ganzen Tag im Theater zu sein, und die alten Juden konnten tagelang sich nur mit der Bibel beschäftigen und an nichts anderes denken. Heute berechnet der Kaufmann, welche Bahn er am besten benutzt, um fünf oder zehn Minuten zu sparen, er