Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 11 (November 1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 220 - Und nun zum Wort Verein. Was für eine Art von Ver~ ein wir nicht mehr sein wollen, darüber sind wir uns klar. Wir können nur dadurch etwas Lebendiges sein, wenn wir nicht mehr Verein sind, sondern Gemeinschaft. Um rlas Wort Gemeinschaft wird in der letzten Zeit viel geredet und noch mehr geschwätzt. Die Gemeinschaft, welche wir wollen, soll nichts anderes sein als dieses: daß wir Anteil haben an einem geliebten Wesen, nicht Anteil jeder für sich „allein", sondern gemeinsamen Anteil, Anteil aller ,,zugleich". Und in dieser Anteilnahme wachsen die Einzelnen zusammen und werden eins. Soweit das Grundsätzliche. Es soll heute zu tatsächlicher und wirklicher Arbeit fortgeschritten werden und deshalb wollen wir nicht am Grundsätzlichen hängen bleiben. Denn darüber ließe sich noch alles Mögliche sagen. Aber aus dem, was ich gesagt habe, springt die Frage heraus: Was wollen wir denn eigentlich tun? 'Bei dem Zusammensitzen, dem Anhören einer Rede und der Diskussion kommt nicht viel heraus. Weil die Menschen „zuviele" sind. Gerade wer in der Diskussion wirklich etwas zu sagen hat, dem bleibt leicht das Beste in der Kehle stecken oder er wird durch einen falschen Ton übertönt. Dann der Vortrag. Zu dem kommen, je nach dem Redner, die Leute, hören zu und gehen wieder nachhaus. Auch dabei kommt nichts heraus. Fragen Sie doch einen Vertreter der Wissenschaft von heute, ob es möglich ist, in einer Vortragsstunde auch nur den ersten Satz der Einleitung eines Lehrbuches zu erschöpfen. Solche wissenschaftlichen Vorträge sind, offen gesagt, Förderung der Halbbildung. Man kann in noch so viele Vorträge gehen — es gibt ja Menschen, die gehen an einem jeden Winterabend in einen — und sie kommen zurück, wie sie hinein gegangen sind, und haben nur eine Fülle von allem möglichen zusammenhanglosen Stoff in sich aufgenommen. Reicher sind sie nicht geworden, es kann ihnen sogar geschehen sein, daß sie den Schatz, der in ihnen selbst ist, der mit ihnen geboren ist, verloren haben, und daß sie nur noch eine Rasselmaschine sind, in die Platten eingelegt werden. Wenn man einen solchen Menschen über dieses und jenes fragt, dann hört man die Platte Professor Soundso. Der Mensch ist dann unter dem Wissen zugrunde gegangen. Auf diese WTeise gehts also auch nicht.