Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 11 (November 1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2550626-2550633-2550644--261-2550983- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 219 — man in andere nicht will, weil einem die soziale Querschichtung gerade paßt, weil man gedenkt, ein familiäres Leben in erweitertem Kreise fortzusetzen, sozusagen Licht, Heizung und kaltes Büfett sich dazu stellen zu lassen. Es ist diese Gesinnung, aus der heraus ein jüdisch-liberaler JugendVerein vergißt, daß er jüdisch ist, vergißt, daß er liberal ist, vergißt, daß er ein Jugendverein ist. Aber das hat aufgehört. Der Vortragende von vorhin hat bereits die Frage aufgeworfen: Kann die Krankheit, unter der unser Verein dahinzusiechen schien, vielleicht aus dem Wesen des Liberalismus?, also aus dem tragenden Gedanken? Doch waren es einst nicht jüdische Herzen, aus denen dieser Gedanke entsprang, Menschen, die auf ihre Weise über Judentum gesonnen haben und die mit Begeisterung das Ihre auf diese Begeisterung gestellt hatten? Warum wird von vielen heute Liberalismus mit Bequemlichkeit verwechselt? Wer von uns, der jüdische Brauchtümer zurückweist, tut es, weil er sie kennen gelernt hat, wer von uns hat denn schon versucht mit liebendem Geist das Alte wahrhaft anzuschauen? Ich denke mir doch, was man kritisiert oder ablehnt, das sollte man kennen. , Oder gar: sollte man vor aller Kritik einmal versuchen — es zu lieben? Auf die liebenden Herzen kommt es ja an; auf diejenigen, die zur Liebe gezwungen werden müssen, kommt es nicht an. Auch für uns hier. Wir haben eine große Mitgliederzahl, wir haben eine „außerordentliche Generalversammlung'*, wieviele sind gekommen? Aber das schadet nichts. Die Thr heute da seid, auf Euch kommt's an. Und indem Ihr da seid, nehmt Ihr eine Verpflichtung auf Euch; sie steckt in den Worten: Jüdisch-liberaler Jugendverein. Wenn der Geist in dem Verein sich nicht von Grund auf erneuert, dann war es ein unheiliger Geist, dann mag er dahingehen. Aber ich glaube an Sie. Und deshalb glaube ich an den Geist. Ich glaube nicht an Programme, ich glaube nicht an Grundsätze, ich glaube an den menschlichen Grund und Boden. Ich glaube an jeden Einzelnen von Ihnen und deshalb glaube ich an den Jüdisch-liberalen Jugendverein. Glauben *heißt vertrauen, und weil ich diesen Glauben und dieses Vertrauen habe, deshalb spreche ich zu Ihnen, die Sie in Wahrheit sein sollen ,,jüdisch", in Wahrheit „liberal", in Wahrheit jung.