Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 11 (November 1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 218 — Hier muß geholfen werden! Aber wir sind nicht an das Krankenbett mit dem Mikroskop des Mediziners herangetreten, sondern mit dem Heilwillen des Arztes. Wir haben keine Studien gemacht, wir haben nicht Diagnosen.gestellt, sondern wir haben zugepackt. Wir sind menschlich Menschlichem, jüdisch Jüdischem gegenübergetreten. Und wir haben heute die Freude, daß der Patient seinen ersten Ausgang machen darf, wir können ihm sogar das schlechte Wetter zumuten. Und wenn er diesen Saal, den er als D. U. betritt, wieder verläßt, dann ist er K. V. Kriegsverwendungsfähig! Es klingt wie ein Witz und doch steckt etwas Ernstes dahinter. Denn nicht mehr im Gleichfluß der Behaglichkeit tritt das Leben an uns heran. Wir Jungen gehen nicht mehr stete Bahnen. Jeder unserer Tage wirft sich uns entgegen und lädt uns etwas auf: eine Frage, die Antwort heischt, oder ein Leid, das getragen sein will. Von uns beantwortet, von uns getragen. Aber wenn wir Juden leiden, sagen die Alten, dann ist das kein Leid, nur wenn alle Menschen leiden — das ist Leid. Und wir, das ewige Volk, das Volk, das mit dem Leid gesegnet ist, wir sollen das Leid adeln durch heiligende Arbeit, durch unser Werk. Denn heilig sollt ihr sein [ Der ganze Ernst und die ganze Schwere, aber auch die frohe Weihe, die in diesem Wort liegt, wird uns ergreifen und uns leiten. Wir Deutschen sind arm. Und wir Juden. Wir brauchen keine Bettelorden mehr zu gründen. Wir sind arm, wir haben nicht mehr teil am goldenen Überfluß. LTnd eigentlich — mir komimt es vor, als ob der Finanzbericht, den wir vorhin hörten, gar nicht „trocken" war, sondern es ist mir aufgegangen, daß auch in so einem Finanzbericht etwas Lebendiges und Lebenschaffendes stecken kann. Wie wäre es denn, wenn wir plötzlich entdeckten, daß es auf das Geld gar nicht ankommt? Wenn wir uns entschlössen, die Schätze unseres mitgebrachten Lebens auszumünzen? Glauben Sie nicht, daß ich eine Fastenpredigt halten will. Zur Einfachheit zu mahnen, das hat heute kein Mensch mehr nötig. Wir sind arm<, wir müssen unsere Schätze anderswo suchen, wir müssen sie suchen in unserem jüdischen Willen und wir müssen das Vertrauen haben, daß wir sie da finden. Wir sind vielleicht in der letzten Zeit einer von den vielen Vergnügungsvereinen gewesen, in den man hineingeht, weil