Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 207 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2550626-2550633-2550643--248-2550969- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 207 — dem Sinne Ethik sind, wie er hier gekennzeichnet wurde? Und dabei ist doch die Bibel voll von Ethik! — Gewiß, d i e Speisegesetze gehören zum Religionsges e t z, wie sehr viele andere Bestimmungen aus der Bibel ihm zuzuschreiben sind. Aber auch hier kann man von einer historischen Folgeerscheinung reden. Dies erhellt aus folgender Betrachtung: das unklare, religiöse Gefühl, das der entstehenden Religion eigen ist, findet seinen Ausdruck in einfachen, mythisch religiösen Erzählungen. (Das Buch der Richter, ein Beweis für diese These, wird für einen sehr alten Bestandteil der Bibel angesehen.) Aus diesem erwachenden religiösen Gefühl entsteht eine Frömlmigkeit, eine echte Begeisterung für alles Gute, Schöne, Göttliche. Und dazu kommt mit zunehnuender Klarheit über das eigene Selbst ein Hang zur verstandesmäßigen Erfassung der Welt und des Lebens. Hier ist der Höhepunkt, die „K u 11 u ru, i n d e r Vollendung zur Ethik erreicht. Aber von nun an überwuchert der Verstand' djas .'Gefühl, und selbst bei Menschen, die an der Scheide zwischen Ethik und Gesetz stehen, kann der Verstand, der Wille zu ordnen und zu sanktionieren, siegen. Dann entstehen ähnliche Gebilde wie die Speise-, die Priester-, die Opfergesetze1). Wer sich diese Betrachtung zu eigen gemacht hat, der sieht, daß Religion aus drei notwendig aufeinanderfolgenden Bestandteilen sich zusammensetzt, die alle zu ihrer Zeit mit dem Wortbegriff „Religion" vollkommien übereinstimmen: dem Erwachen des religiösen Gefühls (dem primären religiösen Erlebnis!), der Ethik als dem Höhepunkt und dem Religionsgesetz als Niedergang. —> Wie aber stehen wir Liberale heute zu Ethik und Gesetz. Ich glaube, daß man nach diesen Betrachtungen einsehen wird, daß wir nur eines von beiden erwählen können, ohne darüber die gebührende Achtung dem anderen zu verlieren. So viel ist jedenfalls sicher: die Orthodoxie hat das Gesetz auf ihr Panier gehoben. Darüber gibt es keinen Zweifel, wenngleich auch sie sich keineswegs der Ethik verschlossen hat. Und wir, sollte für uns Liberale nicht die Ethik angetan sein, unser religiöses Bedürfnis zu befriedigen? Was wollen wir denn? Unser religiöses Gefühl stärken, heraus aus Verständnislosigkeit, aus Indifferenz, aus Gedankenlosigkeit und Beschränktheit des Geistes komjmen. Ja, ich sage es euch, faßt nur die Ethik, lernt sie kennen, zergliedert sie nicht zu verstandesmäßig, aber glaubt auch nicht, allein *) Gerade die entscheidenden religionsgesetzlichen Teile der Bibel stammen meist aus der nachprophetischen Zeit.