Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 206 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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— 206 — Wenn durch diese Starrheit keine Bewegung, kein Leben in das Religionsgesetz kommt, dann ist ihm auch eine Unpersönlichkeit eigen. Das scheint bedeutsam überhaupt für den Begriff „Gesetz". Wird wohl einer der Meinung sein, die neue Reichsverfassung habe starke persönliche Färbungen? Das ist ja auch gar nicht die Aufgabe des Gesetzes. Gerade durch die Mitarbeit vieler, bedeutender Köpfe kann das erstrebt werden, was ein Gesetz möglichst erreichen soll: Objektivität. Einige Ausnahmen, wie man sie vor allem bei verschiedenen Mitarbeitern des Talmud bemerken kann, bestätigen nur die Behauptung. Die persönliche Schattierung ist so gering, daß man von einer Aufstellung von Typen nicht sprechen kann. — So erscheinen sich Ethik und Religionsgesetz diametral gegenüberzustehen, und doch sind sie keine Gegensätze, die im Laufe der Menschheitsgeschichte miteinander in stetem Kampfe gerungen haben, sondern das Religionsgesetzist die historisch notwendige Folgeerscheinung der Ethik. Das reine, religiöse Gefühl, das die Ethik durchströmte, erlosch allmählich; das Schweifen der Ethiker in unendliche Höhen machte einem Sichbescheiden, einem Streben nach endlichen Zielen Platz. Das Religionsgesetz wandte sich vor allem an den Verstand, das religiöse Gefühl, so wie ich es vorhin nur anzudeuten versuchte, beherrschte nicht mehr das Leben. Ethik war im höchsten Grade produktiv, das Gesetz im Sinne von ursprünglicher Erfindung nicht mehr produktiv. Es lehnte sich an das Hergekommene an, suchte die Ethik durch eingehende Betrachtung zu erhalten und richtete sie gerade dadurch zu Grunde. „Machet einen Zaun um die Lehre", so lautete der charakteristische Wahlspruch der Männer aus der großen Versammlung. Ja, man wollte die Ethik umfrieden mit kleineren Gesetzen, um so zu erreichen!, daß die ethischen Forderungen wirklich mehr erfüllt wurden. Aber im Laufe des Mittelalters wuchs und wuchs dieser „Zaun", er gewann immer größere Beachtung und Bedeutung, bis schließlich der Kern, die Ethik, ganz außer Acht gelassen wurde.; So hören wir gerade aus den letzten Jahrhunderten des eigentlichen Mittelalters (n.—14. Jahrhundert) von bedeutenden Männern Klagen darüber, daß man nur noch den Talmud, nicht aber die Bibel studiere. Doch ein berechtigter Einwand muß noch hervorgehoben werden. Muß denn das Gesetz immer die historische Folge der Ethik sein? Gibt es nicht auch Stellen in der Bibel, man denke an Speise-, an Opfergesetze, die durchaus nicht in