Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 204 — schäftigen. Das leuchtet wohl ein. Wo nur das Gröbste herausgehauen ist aus dem Stein der religiösen Erkenntnis, wo nur der Weg gewiesen ist, um zur echten Frömmigkeit zu gelangen, da muß jeder Mensch selbst den Weg weitergehen, da muß er die kleinen, persönlichen Bruchstücke aus .dem mächtigen Gestein herausmeißeln, um so sein ethisches Leben abzurunden. Aber damit sind zwei weitere Eigenschaften der Ethik gegeben: daß Ethik im tiefsten Sinne lebendig ist und daß sie vielgestaltig auszulegen ist. Das letztere zu beweisen, erübrigt sich beinahe. Die Geschichte des Talmuds, dem die große Aufgabe gestellt war, das Wort der Schrift auszudeuten, zeigt uns dies ganz offensichtlich. Und auch unser Menschenverstand sagt uns, daß da, wo mit Absicht kleinere, individuelle Feinheiten fortgelassen und den einzelnen Menschen überlassen sind, viele Auffassungen nicht nur möglich, sondern sogar erwünscht und beabsichtigt sind. Aber das wiederum gibt Leben und Bewegung in die ethischen Gedanken der Bibel! Und so stellt Ethik Leben dar, indem sie Einzelheiten vermeidet und nur das große Gefühl einer Gesamtheit zum Ausdruck bringt. Daran liegt es auch, daß unsere Ethiker alle einen lebendigen, persönlichen Charakter haben. Die großen Propheten sind Typen geworden: Jeremias, diese Leidensgestalt, die in sich den Charakter des mittelalterlichen Judentums mit seinem D'uldersinn und seiner Glaubenstreue vorweggenommen hat. Hosea, dieser Mann, bei dem ich immer das Gefühl habe, er mochte die Arme ausbreiten und die ganze Menschheit an sein liebendes Herz drücken. Wem fällt bei seinen Predigten, sich zu lieben und Gott zu lieben, nicht das Schiller-Beethovensche: „Seid umschlungen Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt" ein? — Soll ich noch mehr aufzählen? Ich glaube, daß diese beiden schon genügen, um zu beweisen, daß die meisten Propheten einen Typus darstellen. Aber auch in jenen namenlosen Verfassern der 5 Bücher Mose, der Psalmen stecken mächtige Persönlichkeiten. Selbst im Buch Hiob, vielleicht der spätesten Frucht jüdischer Ethik, steht vor uns ein gewaltiger Typ, der Skeptiker, der Gotteszweifler. Aber noch ringt sich dieser Typus zur Gläubigkeit, zur Frömmigkeit durch, im Gegensatz zum Skeptiker unserer Tage. —! ' Ich halte die übliche Vorstellung, Ethik sei das rein verstandesmäßige Sittengesetz, für falsch. Armes Judentum), wie stände es dann um dich, da dein Schutz und Hort die Ethik ist! Zwar bin ich weit davon entfernt, unsere Religion zur