Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— 203 — dienen. Aber nur mit dem idealen Geiste kommen wir den höchsten Begriffen und Gefühlen der Menschen näher. Darum lehne ich es ab, Ethik nur verstandesmäßig zu betrachten, ebenso wie ich es vermeide, daß das Gefühl mit einem durchgeht. Denn die eben angeführte Kennzeichnung des Begriffes .,Ethik" ist nicht so ganz aus der Luft gegriffen, wie es im ersten Augenblick den Anschein haben möchte. Gerade an Beispielen wird man sehen, daß auch die idealste Zeichnung von diesem Begriffe noch nicht genügt. Bei wem fühlen wir denn, daß in ihm Ethik webt und lebt? Nun, ich glaube, da haben wir Juden Beispiele genug. Man denke doch nur an die Propheten, an viele, viele Stellen aus dem Pentateuch, an die Psalmen! Da steht vor uns ein Wall von lapidaren Sätzen auf. Ja, die Propheten, sie können uns zeigen, daß Ethik sich nicht an Kleinigkeiten und an kleinliche Verstöße gegen ein inneres, sittliches Bewußtsein hält, sondern nur ans Große, ans Allgemeine gehen sie heran. Was wollen sie ihr Volk lehren? Nächstenliebe, Gottesverchrung und einen guten Lebenswandel! Sind das nicht gewaltige Aufgaben von so ungeheurer Tragweite, daß sie die Menschen nur mit Mühe überhaupt erst zu erfassen verstehen, geschweige denn sie ausführen können? Gewiß, große Grundlagen mußten auch unsere jüdischen Ethiker haben. Das zeigen uns am besten die 10 Gebote. Aber was steckt nicht alles hinter der Heiligung des Sabbaths! Die Idee eines ständig wiederkehrenden Festtags, die Einsetzung eines ganz den religiösen Sinnen geweihten Tages, der tiefste und edelste soziale Gedanke», das alles enthalten diese wenigen! Worte. Man halte mir nicht entgegen, die Worte der Propheten, die sich z. B. auf das Almosengeben und auf Schonung von Witwen und Waisen beziehen, gingen sehr ins Einzelne, so daß man von der Allgemeinheit der prophetischen Gedanken nicht reden kann. Freilich hier gehen die Propheten auch auf Einzelheiten ein, aber sie wollen damit nur gewissermaßen eine Erläuterung geben. So wäre es dem Geist der Bibel vollkommen widersprechend, wenn miandie Beispiele, die sich aufs Almosengeben beziehen und die von den Propheten angeführt sind, zum Gesetz zu erheben, während man andere Möglichkeiten, die im Laufe.der Zeit durch die Verschiebung der .sozialen Klassen oder durch Schaffung neuer Gebräuche entstanden sind, nicht zum Sittengesetz stempelt. Doch wenn so der Prophet, der Psalmist oder der Verfasser des Peiitateuchs nur allgemeine, große Grundsätze seines religiösen Gefühls lehrt, dann liegt darin eine Aufforderung an die Menschen begründet, sich mit der Lehre zu be-