Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 202 — kann auch ein bloßes für und wider über leere Begriffe nicht unsere Zwecksatzung sein, sondern eigentliche Vertiefung in die Lehre, um so zu dem zu gelangen, was „ja sagen" bedeutet, vom „Du sollst!" zum „Ich will!" Ethik und Religionsgesetz. Von Ernst Seligsohn- Iii-Berlin. Zu den elementaren Fragen, über die sich ein wirklich liberaler Jude klar werden muß, gehört meines Erachtens die nach dem Unterschied zwischen Ethik und Religionsgesetz. — Aber besteht denn hier überhaupt ein Unterschied? Sind nicht vielmehr Ethik und Religionsgesetz dasselbe? So wird wohl mancher fragen. Man muß sich über die beiden Begriffe Ethik und Religionsgesetz erst klar werden und dann wird man sehen, was ihnen beiden gemeinsam und nicht gemeinsam ist. Um einem Mißverständnis von vornherein zu begegnen, will ich hier mit „Gesetz" nicht den landüblichen Ausdruck bezeichnen. Mir kommt es nicht auf die Form des mehr oder weniger strengen Befehles an (die 10 Gebote sind Ethik!), sondern auf den historischen Gegensatz zwischen Ethik und Gesetz. Um es gleich zu sagen: nur in der Bibel finden wir Ethik; im Talmud wie in allen nachbiblischen Schriften des Mittelalters, aber auch noch in vielen Stellen aus der Bibel erkenne ich das Religionsgesetz1). Mir ist Ethik wie ein weites, unendliches Meer. So wie wenn man am Strande des Meeres steht und sieht, wie es in die Unendlichkeit sich breitet, wie man vor dem ewigen, erhabenen Grau nichts Einzelnes erkennen kann, so ist der erste Eindruck, den man von diesem mächtigen Gewoge von Lehren, von diesen ehernen, kernigen Sätzen der Propheten, von diesen weichen und nachdenklichen Gedanken der Psalmisten hat. E t h i k wirkt hier als Ganzes zunächst, und diese Wirkung beherrscht alle folgenden Eindrücke. Denn in dieser Ganzheit, dieser Vollkommenheit liegt die ewige Beständigkeit und die ewig unergründliche Weisheit, die weite Faßbarkeit und die Weite des Geistes», die höchste Toleranz und die wahrhafte Frömmigkeit. Ja, so steht dias, was wir mit religiöser Ethik bezeichnen, vor uns. Freilich könnte mancher glauben, hier wäre auf den Begriff „Ethik" alles Mögliche gehäuft und diese Behandlung würde durchaus nicht zur Klärung der Frage *) Dieser Gegensatz ist doch wohl nicht aufrecht zu erhalten; nicht nur daß viele halachischen Vorschriften Ethik sind im tiefsten Sinne, so muß doch vor allem die Agada als eine wun4ervolle Blüte jüdischer Ethik gewürdigt werden. Anm. d. Redaktion,