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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1920-10-01 · Heft 10 (Oktober 1920) · p. Seite 201

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1920
Issue
Heft 10 (Oktober 1920)
Date
1920-10-01
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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-201 - sich nicht nach seinem Beruf und seinen irdischen Gütern, sondern nach seiner Kenntnis der Thora. Aus ihr heraus entstanden Propheten und Mystiker, Geistesströmungen über ganze Epochen, die ihren tiefgehenden Einfluß wiederum auf die Gemeinschaft hatten. So steht die Thora nicht als Gesetz, als stagnierende Form und Norm vor uns, sondern als Urquell, dem frisches, sprudelndes Leben entströmt. Aus ihrem Born schöpfen wir, denn er ist Lebensquell. Sie vermag den Menschen aufrecht zu erhalten über Not und Schicksalshärte, denn sie kennt das Leben in seiner wechselseitigen Gestaltung. Sie gibt dem Menschen sittliche Grundanschauung, dem Einzelnen für sich, und in seiner Beziehung zum Nebenmenschen. Sie faßt ihn zur Gemeinschaft, zum Staatengebilde, zur Theokratie zusammen und gibt ihm Verfassung, Vorschrift und Recht. Diese Bedeutung behält sie durch die Jahrtausende, ihre Umrahmung ständig wechselnd. Auf dem alten jüdischen Friedhof zu Frankfurt a. M.., der ins 13. Jahrhundert zurücksieht, findet sich auf den meisten Steinen: „Er beschäftigte sich mit der Thora''. Erst im vorigen Jahrhundert wurde der Friedhof abgeschlossen. Dann kam die Zeit schärfster Assimilation, und wir ließen unsere gesetzestreuen Brüder hier und im Osten über ihren Folianten gebückt im Studium von Thora und Talrrnud. Wir kehrten uns ab. Das Hasten des kapitalistischen Zeitalters nahm uns in seinen Lauf. So blieb uns nicht Zeit. — Sollten wir heute, nach dem Zusammenbruch, nicht umkehren zu unserer Lehre, zur Grundlage unserer jüdischen Gemeinschaft? Das Gesetz, das diese Gemeinschaft schafft, heißt: „Du sollst!" und wächst zu seiner entgegenstehenden Ausprägung dem „Ich soll!" Als ich jüngst den kleinen Aufsatz in den Iii-Blättern geschrieben hatte, wurde mir von mancher Seite vorgehalten, wie ich als Letztes das „Du sollst'* als Ergebnis setzen konnte. Mian hatte in letzter Zeit in Literatur und Drama manches Mal von „Ich will" reden hören. Wenn ich von dem gegebenen Gesetz rede, so heißt es nicht anders als „Du sollst". Mit de'nii „Du sollst" ist Jaakob begabt, da er mit dem Engel ringt, er überwindet „Du sollst", besiegt den Engel und kommt so zum Eigenwollen, als Resultat vom Gesetz. So ist in unsere jüdische Gemeinschaft die Thora gestellt, der Glaubensstarke will sie und lebt sein Leben aus ihr heraus, wir aber, die wir uns mit grundsätzlichem Glauben nicht abfinden wollen, uns fällt die schwerwiegende Aufgabe zu, mit unserem Engel zu ringen, um zur Gemeinschaft zu wachsen (und das ist ja der Grund unserer Vereinigung)v Darum

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