Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 199 — ger untätig mit ansehen wollen. Hierzu gehört nicht nur ein großer Teil der jüdisch-liberalen Jugend, sondern auch mancher Führer des modernen Judentums. Wir verstehen den Sabbath als ethische Forderung, und gerade deshalb wollen wir ihn auch wirklich besitzen, für ihn auch tatsächlich einen Tag zur Verfügung haben, welchen Tag, kann uns dabei gleich sein. Wir geben den Geboten den dargelegten Sinn; legen sie also nicht nach Wortlaut aus, wie etwa: Arbeite von Sonntag bis Freitag und ruhe am Sonnabend. Der Sonntag ist gegenwärtig, und wohl auch künftig, der einzig mögliche Tag, also möge man an ihm Sabbath feiern. Erschrecket nicht! Es handelt sich nicht um einen Zwangsbeschluß. Ihr, die ihr aus Überzeugung und unter Opfern, am siebenten Tage der Woche festhaltet, sollt dabei bleiben. Eure Motive sind ehrlich und edel. Ihr, die ihr glaubt, den Dingen ohne Teilnahme gegenüber stehen zu dürfen, seid im Irrtum. Ihr müßt erkennen, daß die Gleichgültigkeit gerade aus dem langsam entwickelten Selbstbetrug, aus dem unwahren Hang am Gesetz, entstanden ist. Ihr müßt euch nach einer Richtung hin bekennen. Für Neutralität, besser gesagt, Teilnahmslosigkeit, ist heute kein Platz mehr. Wir aber wollen für uns den Sabbath wirklich besitzen. Gebt uns, wenn auch nur in einzelnen Synagogen, am Sonnabend abend und am Sonntag vormittag Gottesdienst, natürlich in Formen, die Hjerz und Gemüt mit Wärme und Harmonie erfüllen. Es ist nicht gesagt, daß die Synagogen stets überfüllt sein werden. Nicht hier darf der Maßstab angelegt werden — sonst könnte gegenwärtig so manche Synagoge das Jahr über geschlossen bleiben. Der Sabbath ist mehr als nur Synagogengottesdienst. Dieser soll der weihevolle Auftakt sein, und wenn er das vermag, werden sich viele zu ihm hingezogen fühlen. Seinen ewigen Bestand verdankt das Judentum der in ihm waltenden Entwicklungskraft. Gefahr droht von den Teilnahmslosen, die in falscher Erkenntnis Gesetz für Religion halten und so die Religion herabwürdigen. Wir wollen den Sabbath wirklich besitzen, damit er in der Tat das werden kann, was der Geist der Religion von ihm fordert. Herrlich drückt dies die Freitag-Abend-Liturgie in den Worten aus: „Vorüber sind die Tage der Arbeit, und es naht der gottgeweihte Tag, den du, o Herr, eingesetzt hast, daß er uns sei ein Tag der Ruhe und Sammlung, ein Tag der Veredlung und Beseeligung."