Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 198 — Es scheint nun allerdings bei Betrachtung der Tatsachen, daß vielen der Sabbath ohne Bedeutung ist und ihnen kaum etwas geben könnte. Doch das ist ja gerade der Beweis für das Gesagte. Man sah im Sabbath nur eine Reihe von Vorschriften, deren strenge Befolgung in unserer Zeit immer schwerer wurde, man mußte notgedrungen eins um das andere aufgeben, womit dann Wert und Bedeutung des Sabbath kleiner und kleiner erscheinen mußten. Die wirtschaftliche Lage gestattet es dem allergrößten Teil überhaupt nicht mehr, die Arbeitsruhe einzuhalten, und so geht der Sabbath, als Gesetz gesehen, in Wirklichkeit langsam seinem Verschwinden ent-. gegen. Um etwas Neues zu schaffen, scheint es leider an religiösem Entwicklungsglauben zu mangeln. Der Respekt vor dem Gesetz als solchem ist noch so gewaltig, daß, selbst ohne die Möglichkeit der Ausübung, doch in ihm die Religion an sich erblickt wird. Dadurch konnte auch die Auffassung des Sabbath so wleit sinken, daß man zwar, zum größten Teil, notgedrungen oder freiwillig, seiner Tätigkeit nachgeht, aber doch den siebenten Tag der Woche als Sabbath bezeichnet, weil das der Wortlaut des Gesetzes ist. Also in Wirklichkeit ein abstraktes Gebilde! Ich spreche nicht von dem sehr kleinen Teil unserer Glaubensgenossen, der mit Zähigkeit und unter Opfern und Schwierigkeiten, im strengen Glauben an das überlieferte Gesetz, den Sonnabend als Sabbathtag festhält. Ihnen gebührt meines Erachtens Verehrung und Hochachtung. Ich will auch die leider sehr zahlreiche Gruppe von Juden übergehen, denen diese und manche and'ere Frage vollkommen gleichgültig erscheint. Doch ist auch hier häufig der Zwang der Tatsachen maßgebend. Jüngst hörte ich, daß der Gemeindevorstand eines ostdeutschen Städtchens den offiziellen Beschluß gefaßt hat, den Sabbathgottesdienst am Vormittag aufzuheben, da dort am Sonnabend Wochenm&rkt abgehalten wird. Die Begründung mag voll anerkannt werden. Das Traurige dabei ist nicht der vorhandene negative, sondern der fehlende positive Beschluß. Man schafft das Alte notgedrungen ab, wagt aber nicht, an seine Stelle etwas Neues zu setzen. Der Gedanke eines ähnlichen Beschlusses in Berlin liegt eigentlich gar nicht so fern. Die Tatsachen haben bereits zu dem; Kompromiß doppelter Gottesdienste geführt, es wäre also nur ein Weiterschreiten auf diesem Wege nötig. Es gibt aber zum Glück Juden, denen diese Frage ganz und gar nicht gleichgültig erscheint, die diesen Selbstbetrug, dieses Winden und Drehen ohne wirkliche Schöpfungen, das zur Herabwürdigung höchster Begriffe führen muß, nicht län-