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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1920-10-01 · Heft 10 (Oktober 1920) · p. Seite 194

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1920
Issue
Heft 10 (Oktober 1920)
Date
1920-10-01
Page
Seite 194 (sequence 2)
Language
German
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— 194 — Pietät fragen? — Das Leben ist ja viel gewaltiger als alle Probleme, die Mienschenseele tiefer und vielfältiger als all unsere Konstruktionen von ihr? . . . , Man ihat, so lange man denken kann, innerlich wie äußerlich mit einem Menschen zusammengelebt, nie hatte man sein Ich allein, er war einem Leiter und Vorkämpfer im Lebenskampf, jeden Gedanken, jedes Gefühl war man gewohnt, mit ihm zu besprechen. Wenn man ihn einige Zeit nicht sah, meinte man, allen Halt zu verlieren — und nun — ist er für immer dahin . . . Wird man da überlegen, welche Pflichten der Pietät man hat, wird nicht vielmehr die Welt vor einem in Trümmern liegen? . . . Doch im Gedenken an den Toten kann und mluß man eine neue aufbauen. Aber nicht gleich! Vorerst befällt einen ein Schauer vor der Übermacht des Geschehens. Dunkel, unentwirrbar liegen die Weltendinge, verkörpert im eigenen Erleben, vor einem: Ein dunkles Rätsel steht das Leben, Steht vor uns Zeit und Ewigkeit; Und uns ergreift mit leisem Beben Der Schauer der Vergänglichkeit. — Da flüchtet aus der Erde Schranken Die Seele heimatwärts zu dir, Du Fels im, Sturme der Gedanken, Du, unsere Zuflucht für und für. Bei dir allein sind wir geborgen, Vergänglichkeit, du schreckst uns nicht; Die Nacht entweicht, es tagt der Morgen, In deinem Lichte schaun wir Licht! (Seligmann*sches Gebetbuch.) Totengedenken — Gottesgedenken — wie eng verknüpft, wie eins! Wenn wir vor etwas stehen, was mächtiger ist als wir, was unerklärbar, schauerlich in unser Leiben eingreift, dann haben wir ja nur eine Stütze, einen festen Punkt im wirbelnden Trümmertanz — Gott!--Und so wird das Gedenken an unser Schicksal, an die, die uns entrissen, zu einem innigeren Verkehr mit dem, der über allem Geschehen unerforschlich waltet. — Und doch läßt sich der Mensch daran nicht genug sein. Immer und immer wieder kommt es ja über einen: „Es kann nicht zu Ende sein, wie könnte wohl der, mit dem ich so oft, vor so kurzem noch sprach, zu Staub geworden sein? Er muß unsichtbar in der Nähe sein!" — Und so sucht die Seele des Lebenden die Seele des Toten. — Wo ist sie? Ist sie ein Stück des allwaltenden Geistes geworden? . . . Wenn ich ihn fühle, fühle ich sie dann mit? — Gott — die Töten —beide von uns ahnend empfunden —,

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