Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 9 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 183 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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— 183 — auch Herrn Stern nun nicht mehr „ideenarm" erscheinen wird, könnte durch die Hineintragung religiöser Gegensätze nur gestört und in Verwirrung gebracht werden. Wir wollen in unserem Bunde Burgfrieden zwischen orthodox und liberal halten und« wahren. Heißt das nun, frage ich jetzt nochmals, daß wir auf die Mitarbeit der Kameraden in unseren,Iiis verzichten müssen? Nimmermehr! Das eine wird auch Herrn Stern nicht zweifelhaft sein: unter den Kameraden, die draußen in Gottes freier Natur die Größe und Unbegreiflichkeit und seiner Zusammenhänge ahnen und fühlen gelernt haben, wird es eine ungleich größere Zahl religiös interessierter Menschen geben, als in den Reihen Leuten, die nicht durch gleiches Erleben hindurchgeschritten sind. Nun befürchtet aber Herr Kollege Stern, die Kameraden — wohlverstanden: die einzelnen Kameraden — könnten sich durch, die Neutralität ihres Verbandes von der Mitwirkung an den großen jüdischen Aktionen abhalten lassen, könnten Gewehr bei Fuß stehen, wenn es sich um so wichtige Dinge wie Gemeindewahlen, Rabbinerberufung, Gestaltung des Gottesdienstes und des Unterrichts handelt. Ich mußte lächeln, als ich das las. Wer Geist und Stimmung in »den Kameradenbünden kennt, der weiß, daß dem Kameraden wirklich nichts auf der Welt ferner liegt, als solche billige, schlafmützige Neutralität. Er, der das Recht der Jugend nicht nur auf den Lippen, sondern im Herzen trägt, er sollte sich passiv verhalten, wenn es sich z. B. um die Reform des Religionsunterrichtes handelt?! Wenn erst einmal die Probe aufs Exempel gemacht werden wird, dann wird man, glaube ich, eher geneigt sein, die Kameraden wegen,der allzugroßen Leidenschaftlichkeit, mit der sie in die Debatte eingreifen! werden, zu tadeln; der Passivität aber wird sie sicherlich niemand zeihen können. Freilich, die Kameraden werden dabei nicht geschlossen auftreten, sondern jeder wird seine Meinung verfechten, und das wird bei dem einen eine solche sein, die auf dem Boden des Liberalismus erwachsen ist, während bei dem anderen eine mehr konservative Gesinnung zutage treten wird. Meine persönliche Überzeugung geht freilich dahin, daß diese Jugend, in der ein stürmischer Freiheitsdrang lebt, diese Jugend, die in der Natur draußen alles den Gesetzen der^Anpassung und der Entwicklung unterliegen sieht, und daran Geist und Herz bildet, zumeist eine stimmungs- und überzeugungsmäßige Hinneigung zu den Bestrebungen des liberalen, des