Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 9 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 180 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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— 180 — tilgen?. Jedoch ich kenne den Geist, der ganz besonders in den jugendlichen Führern und Führerinnen lebt, diesen Geist, den sie, von einer tiefen Liebe zu Judentum und Deutschtum getrieben, auf der Wanderung uns in den „Heimen" hineinpflanzen in die Seelen der ihnen anvertrauten und sich ihnen vertrauensvoll gebenden Jungens und Mädels, und ich weiß, daß ihr unwiderstehlicher Wille sie zu den Zielen hindrängt, die ich gezeichnet habe. Aber freilich: eines ist dieser Jugend! eigen, womit sie manchem ein bißchen unbequem werden kann und muß: sie glaubt nämlich an das, was sie das „Recht der Jugend" nennt, und sie will es, mit jenem alten Preußenkönig zu sprechen), „stabilieren als einen rocher de bronce". Denn diese jungen Menschen, die in den schrecklichen letzten Jahren aufwuchsen und zu selbständigem Denken erwachten, deren Seelen von Krieg und Sieg, Zusammenbruch und Revolution hin- und hergeschüttelt wurden, die in den Jahren ihres Reifens um sich eine Welt versinken und eine andere — nicht immer schönere — aufsteigen sahen, die Schiebertum und Wucher, offizielle Lügen und politische Morde und nicht zuletzt die wüsteste und schamloseste Judenhetze sozusagen als Alltäglichkeit und Selbstverständlichkeit einschätzen lernen mußten, diese jungen Menschen blicken keineswegs mit jenem ruhigen und kindhaften Vertrauen zu den Älteren auf, wie wir einst (ungeachtet der naturgegebenen Gegensätze unter den Generationen) ^zu dem Geschlecht emporsahen, welches das Reich gegründet und Deutschland mächtig und groß gemacht. Darum wollen sie nicht einfach in den Fußtapfen der vorigen Generation, die schließlich in den Abgrund mündeten, weiterschreiten, darum wollen sie ihre eigenen Wege suchen und in jüdischen wie in deutschen Dingen nichts ungeprüft hinnehmen, was ihnen vom „Alter" überliefert wird. In diesem gewiß bedauerlichen, aber ebenso sicher begreiflichen Mißtrauen liegt die tiefste Wurzel der neuen Tendenzrichtung unter den Kameraden!, die Herrn Kollegen Stern so bedrohlich erscheint. In den sonstigen .jüdischen Jugendvereinigungen, auch in unseren Iiis, führt nämlich die Jugend bis zum Alter von 35 Jahren das Wort; die „Außerordentlichen" (man wird einem „Außerordentlichen" diese Feststellung nicht so übel vermerken) gehen gar noch über jene Altersgrenze hinaus. Ein großer Teil der Kameraden fürchtet, in solchen Vereinen von Leuten, die ihm, dem 17-, i8-„ 20jährigen nun einmal „alt" erscheinen, majorisiert, womöglich gar durch „Autorität" erdrückt zu werden. Er findet dort bisweilen einen Ton und Geist, der zu seinem eigenen veränderten Wesen: dieser gesteigerten Begeisterungsfähigkeit