Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 9 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 179 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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— 179 — Schätzung, mit welcher der junge „Germane" dieserhalb auf ihn herabblickt, ihre nicht ganz zu leugnende Berechtigung nehmen. Die Erfolge des K.-C, dessen Arbeitsfeld naturgemäß ein ungleich* engeres ist, beweisen, wie sehr wir damit auf dem rechten Wege sind, Der junge Jude wird den Nacken steifer und den Kopf höher tragen, wenn er auf einem durchgebildeten und gestählten Körper sitzt. Wir Wanderkameraden zumal wollen weiter der jüdischen Jugend helfen, sich die Natur, sich die Heimat auf ihre Art zu erobern. Wir führen sie damit zu den Quellen des Seins zurück. Da draußen in Feld und Wald, auf der Heide und am Wasser/, im Sonnenglanz und Mondenschein vertieft sich in unseren Jungens und Mädels die heilige und heiße Freude an all der einfachen, stillen und erhabenen Schönheit im All. Blumen und Vögel, Bäume und Sträucher, das wogende Meer und der gestirnte Himmel reden zu den empfänglichen Gemütern unserer Wandervögel in ihrer eigenen, wundersamen Sprache. So offenbart sich ihnen die Seele der Landschaft, so wird ihnen das Herz weit, so werden sie innerlich still und stark und senken die Wurzeln ihres'\Seins tiefer und ^fester in den mütterlichen Boden der deutschen Heimat. Und dann ein weiteres: sie lernen den Segen einer einfachen, natürlichen Lebensführung kennen und empfinden. Dem Kult des Klubsessels stellen sich die Freude an einem Lager im duftenden Heu, dem Stolz auf das Privatauto die Kraft der eigenen Wanderbeine entgegen. Die Freude an den neuesten Operettenschlagern wird verdrängt durch die Pflege des Volksliedes mit seinen alten schlichten Weisen. Das Kaffeehaus samt seinen Alkohol- und Nikotinfreuden und das seelenmordende Kino'/mit seinen ,,Aufklärungsfilms'' verliert seinen Zauber und Reiz. Einfachheit in Kleidung und Nahrung wird für den Wanderer zum selbstverständlichen Gebot. Das „gnädige Fräulein", der junge „Gent" verschwinden in der Versenkung; frische junge Menschen, die sich durch alle Altersklassen hindurch „du" nennen,, verkehren miteinander ohne Ziererei und Zimpelei in einem Ton natürlicher Kameradschaft und stellen für ihren Teil das Verhältnis der Geschlechter auf eine neue Grundlage sittlicher Reinheit. Meint ihr, das alles oder vieles davon seien Übertreibungen eines schwärmenden Idealisten, wie man mich zuweilen geschimpft hat? Zugegeben: es ist bei den Kameraden heute noch nicht alles so, wie es werden wird und muß; noch nicht überall so, wie ich es da ausgemalt habe. Wie könnte auch die winzige Spanne Zeit, während deren wir an der Arbeit sind, genügt haben, um die Fehler von Jahrhunderten zu