Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 9 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 177 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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— 177 — Das alles sind freilich Übelstände und JEntartungserscheinungen, die sich keineswegs auf die jüdische Bevölkerung beschränkten, sondern —jals düstere Kehrseite des glänzenden wirtschaftlichen Aufstiegs — gleichermaßen den „besseren" Mittelstand und die höhere Schicht der „christlich-germanischen" Bevölkerung, zumal derjenigen der Großstädte heimsuchte. Aber es ist klar, daß die Söhne und Enkel von Handwerkernv Bauern, Förstern, f Gärtnern, Berufssoldaten und anderen bodenständigen Leuten dadurch nicht so rasch an Leib und Seele Schaden nehmen konnten, wie die Nachkommen schwächlicher Hausierer und stubenhockender Talmudforscher. Wer es bezweifeln wollte, daß die Frucht dieser Entwicklung zunächst die körperliche »Degeneration eines großen Teiles der deutschen Juden war, der denke nur an den übergroßen Prozentsatz von, Juden unter den Stoffwechsel-, Herz- und Nervenleidenden, der schaue sich nur um in Nauheim, Neuenahr, Karlsbad, Marienbad und all den Kurorten, die ähnlichen Heilzwecken! «dienen. Undidie Seele des Juden? Auch sie krankte. Was ihr in all dem Drang und Druck der oft so schweren Ghettozeit Würde und Adel verliehen: die innige Religiosität, tdie Hingabe an das Studium der heiligen Schriften, das warf der „aufgeklärte" Jude achtlos in die Ecke, ohne es durch seelische Werte gleichen Ranges zu ersetzen. Sein Leben erschöpfte sich allzuhäufig in dem Jagen nach der Anhäufung irdischer Güter, (das Geld ward ihm Ziel und Wertmesser seines Strebens. Der gute Kampf, den z. B. die Logen gegen diesen Geist aufnahmen, hatte nur sehr begrenzte, Erfolge; ihre Erziehungsarbeit an erwachsenen und wirtschaftlich selbständigen Männern konnte auch unmöglich in die Breite und Tiefe dringen. Im:Kriege und der Nachkriegszeit wurde es darin mindestens nicht besser. Die außergewöhnliche Wirtschaftslage brachte es mit sich, daß sich eine trübe Flut von Geld über Deutschland ergoß. Ein Teil dieser oft sehr mühelosen, bisweilen nicht sehr sauberen Verdienste floß auch in jüdische Taschen), nicht immer in diejenigen der besten Juden und besten Menschen. Luxus und Wohlleben, der Kult des Klubsessels und des Privatautos feierten ihre Orgien, während draußen die roten Wellen der sozialen Revolution heranbrandeten. Man wende mir hier nicht ein: bei den Christen war es nicht besser. Nein, und dreimal nein: es war wahrhaftig nicht anders da drüben; „wie sich's jüdelt, so christelt sich's!" Aber was scheren uns die anderen? Geben uns ihre sittlichen Ge-