Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 9 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 168 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 168 — geleitet werden. Es kann* also demnach kein Zweifel darüber bestehen, daß der jüdische Liberalismus eine religiöse Richtung im Judentum ist. Vor etwa zwölf Jahren wurde die liberale Vereinigung gegründet, die die Massen aus der Sklaverei veralteter Anschauungen in ein neues Kanaan der Freiheit führen sollte. Was,ist erreicht worden? Alter biblischer Uberlieferung getreu ist der ganze Zug in die Wüste'geraten, nur beim Vergleich mit jenem biblischen Unternehmen stellt sich ein kleiner Unterschied heraus: Diesmal wollte die größere Zahl der Herausgeführten nicht zurück, sondern schlug sich zum Troß, zu den Mitläufern, um sich bei passender Gelegenheit zu verlieren. Der objektive Beobachter? muß ein großes Fiasko konstatieren. Auf den ersten Blick erscheint es merkwürdig, daß gerade in jugendlichen Kreisen diese Erkenntnis auftauchte. Das läßt sich darauf zurückführen, daß die Tätigkeit der Jugend sich in ganz anderer Richtung bewegt wie die der Alten, und daß die Jugend zuerst wieder das unverrückbare Ziel der Bewegung, die Arbeit für die Zukunft des Judentums vor Augen hatte und so in vollster Ubereinstimmung mit dem Wesen des Liberalismus schafft und wirkt. Selbstverständlich haben auch ältere Liberale die Fehler erkannt und haben vielleicht Besserung angestrebt, nur sie nicht erreicht; aber maßgebend für die Beurteilung der Bewegung ist die Tätigkeit einzelner nur dann, wenn sie bestimmend für den Charakter des Ganzen wird. Mit unserer Tätigkeit, der Arbeit der Jugend, verfolgen wir die Absicht, unsere Anhänger mit möglichst allen Zweigen jüdischer Wissenschaft bekannt zu machen, ihnen umfassendes jüdisches Wissen zu vermitteln und darauf aufbauend jüdisch-religiöses Leben zu fördern. Und die Arbeit des Alters? Schwache Versuche einer Tätigkeit sind in der Regel nur dann zu verspüren, wenn die Repräsentantenwahlen vor der Tür stehen. Will man durchaus eine umfassendere Tätigkeit der Alten feststellen, so könnte man berücksichtigen, daß diejenigen, die leitende Stellen in den einzelnen Ortsgruppen innehaben, in den verschiedenen Gemeindestuben sitzen, wo sich ihnen die Gelegenheit bietet, ihren Liberalismus durch die Tat zu beweisen. Wie kaiin aber hier wirklich Wertvollesv geschaffen werden, wenn bei der Auswahl der Kandidaten für die Repräsentanz lediglich verwaltungstechnische Fähigkeiten den Ausschlag geben, dagegen jüdisches Wissen, religiöses^ Leben und Verständnis Dinge sind, die an und für sich nebensächlich, ganz gern mit in Kauf genommen werden.