Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 9 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 166 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 166 — es sich, daß die aus Ägyptens Sklaverei Befreiten auf ihrem Weg zum gelobten Land murren, weil sie unter anderen ungewohnten Verhältnissen leben müssen, und sich zurückwünschen zu den Fleischtöpfen Ägyptens. Das ist typisch nicht nur für das damalige Geschlecht, sondern für das Verhalten der Juden zu allen Zeiten. Immer mußten bedeutsame Veränderungen religiöser Anschauungen oder Übungen, immer mußte jede Aufwärtsentwicklung durch mächtige Zeitereignisse oder von einigen wenigen hervorragenden Männern erzwungen werden. Und jedesmal schrie die große Masse nach dem zur' geistigen Fessel gewordenen Alten. Immer folgte der Menge, wie auch von der Wüstenwanderung berichtet wird, die Schar der Mitläufer, die teilnahms- und überzeugungslos ist und bei der ersten sich bietenden Gelegenheit die Gemeinschaft im Stiche läßt. Ein kurzer Blick auf die Geschichte des Judentums wird das bestätigen: Das Volk war in Kanaan seßhaft geworden und in jahrelanger Gewöhnung wurden Moses Gesetze gehalten. Doch der Sinn der gebotenen und ausgeführten Handlungen, die auf die Besserung des Menschen abzielende Idee der Verbote blieb mechanischer Erfüllung, gedankenlosem Gehorchen verborgen. Opfer wurden gebracht, doch die Gesinnung des Opfernden wurde davon nicht berührt. Das Gebot, bei der Ernte keine Nachlese zu halten und eine Ecke des Feldes stehen zu lassen, fand sicher Beachtung, ohne daß man sich des dem Gesetz zugrunde liegenden Gebotes der Nächstenliebe und Wohltätigkeit bewußt wurde. Wäre es der Fall gewesen, so war das Auftreten der Propheten zwecklos und damit unmöglich. So aber wirkten die Propheten dieser äußerlichen Gesetzeserfüllung mit der ganzen Wucht ihrer Sprache, mit der großen Gewalt ihrer Persönlichkeit entgegen. Sie predigen die Idee. Und die Folge davon war, daß die große Masse ihrer Zeitgenossen sie verhöhnte und verfolgte, weil sie nicht befreit werden wollte von den schon gewohnten Fesseln alten Irrens. Nach der Zerstörung des ersten Tempels war man in der babylonischen Gefangenschaft genötigt, anstelle des unmöglich gewordenen Opfers eine Art Gebetgottesdienst einzuführen. Als man diese Neuerung nach der Rückkehr aus Babylonien nach Palästina übernahm, da war sofort eine gewaltige Gegnerschaft vorhanden, die nur rückwärts' schaute, alle Einrichtungen der Vergangenheit pries und alles neue in Grund und Boden verdammte. Dieselbe Erscheinung zeigt sich bei der Begegnung von Judentum und Christentum. Als durch Berührung mit griechischer Philosophie der unbekümmerte Kinderglauben ver-