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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1920-09-01 · Heft 9 (September 1920) · p. Seite 165

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1920
Issue
Heft 9 (September 1920)
Date
1920-09-01
Page
Seite 165 (sequence 5)
Language
German
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- 165 - Alter und Jugend. Von Erich Bayer, Breslau. (Ergänzung des auf der Tagung der Liberalen Vereinigung in Berlin gehaltenen Referates über „Jugendbewegung und Wünsche der Jugend".) „Nicht vom Alter des Lehrers, sondern von seinen Gründen hängt die Entscheidung ab." (Baba Bathra 142b) * Wenn wir liberalen Juden auch nicht gerade den Talmud als das Buch ansehen, dessen Bestimmungen unser ganzes Leben regeln sollen, so sind doch trotz aller Ablehnung der Erfüllung äußerlicher Gesetze als Beweis religiösen Empfindens auch für uns die Stellen, die jüdische Ethik und Lebensweisheit predigen, von unvergänglichem Wert. Die oben angeführte Talmudstelle bildet die notwendige Ergänzung zu dem biblischen Gebot: „Vor einem grauen Haupt stehe auf und ehre den an Weisheit Gereiften" (Levitikus Kap. 19, Vers 32). Damit ist nicht etwa auch der Mensch gemeint, welcher nichts anderes besitzt als sein, hohes Alter. Nur der soll Gegenstand der Verehrung sein, davon gibt uns der Nachsatz Kunde, der die große Zahl der ihm vergönnten Jahre benutzt hat, umi Erfahrung, Weisheit, Lebenskenntnis zu erwerben. Und der Talmtudsatz bestätigt diese Auffassung, denn er besagt, daß es im praktischen Leben bei wichtigen Entscheidungen nicht das Alter, sondern das in den Jahren Erreichte, nicht die Zahl der Lebenstage, sondern das im Verlauf des Daseins Geschaffene, kurz das geistige Besitztum und seine richtige Auswertung war, was dem Einzelnen Einfluß und seiner Ansicht Überzeugungskraft verlieh. Auch wir Liberalen stehen vor schwerwiegenden Entscheidungen, bei denen im Interesse des Ganzen nicht das Alter, sondern die Gründe bestimmend sein müssen. Der Liberalismus der Alten muß sich entschließen, ob er, kräftiges Leben entfaltend, mit der Jugend gemeinsam arbeiten, oder ob er wie bisher vegetieren und dann allein zu Grunde gehen will. Hier, wo es sich um das Wohl und Wehe des jüdischen Liberalismus handelt, der einen großen Teil der Verantwortung für die Entwicklung und damit für die Zukunft des Judentums trägt;* wäre rücksichtsvolles Schweigen Verbrechen, und in voller Übereinstimmung mit den Anschauungen unserer Vorfahren muß die Wahrheit gesagt und damit Klarheit geschaffen! werden. Ein feiner Kenner der Menschennatur hat den Zug der Israeliten durch die Wüste beschrieben. Immer wiederholt * Lazarus, „Ethik des Judentums", Bd. I, § 53.

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