Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 8 (August 1920)
- Date
- 1920-08-01
- Page
- Seite 149 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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— 149 — jüdischen Volksstammes. Aber Stamm und Nation sind zweierlei. Der Stamm ist gleichen Ursprungs und gleicher Tradition, aber eine Nation ist aus verschiedenen Stämmen zusammengesetzt, die durch gemeinsames Vaterland!, gemeinsame Sprache, gemeinsame Ziele und Interessen und gemeinsame Erlebnisse verbunden und verschmolzen sind. Wir deutschen Juden gehören nicht nur einer religiösen Gemeinschaft, nicht nur einem besonderen Volksstamme an, wir sind auch ein geschichtlich begründeter, eingeborener Bestandteil der deutschen Nation. Unsere Kultur ist die deutsche, unsere Sprache ist deutsch, wir bilden und erheben uns an deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur, zu denen wir auch unsern reichlichen Teil beitragen. Wir deutschen Juden kennen nur die deutsche Nationalität, keine andere, wir sind Deutsche und wollen Deutsche sein! Wir haben uns unsere Zugehörigkeit zur deutschen Nation nicht nur durch iooojährigen Wohnsitz in Deutschland erworben, wir haben sie uns erkämpft und erstritten. Erkämpft mit dem Blute unserer Großväter, Väter und Söhne auf den Schlachtfeldern der Kriege von 1813 bis 1918, erstritten in edlem Wettkampf der Geister auf allen Gebieten der Wissenschaft, Kunst, Literatur und Industrie. Und nun will der Zionismus mit seinen national-jüdischen Ideen uns in den Rücken fallen! Damit entsteht uns durch ihn in unserm Kampf gegen den Antisemitismus eine unendlich große Gefahr; nun wollen gar Juden selbst sagen: Der Antisemitismus hat Recht, wir gehören keiner anderen Nation an, als der jüdischen! Gott sei Dank! es gibt unter den deutschen Juden nur verhältnismäßig wTenige, die so denken;, die gewaltige Mehrheit lehnt entrüstet diese Behauptung ab. Am 28. Oktober 1912 hat der Abgeordnete Gothein, der Vorsitzende des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, in der Generalversammlung dieses Vereins auf diese Gefahr hingewiesen. Er führt aus: „Gerade weil wir — die als liberale Christen den Antisemitismus uns bekämpfen — von der schweren Gefahr des Zionismus überzeugt sind, von der freiwilligen Hilfsarbeit, die er damit der Antisemiten leistet, haben wir; uns gesagt, daß er in erster Linie Sache und Pflicht unserer jüdischen Mitbürger selbst sei, dem Zionismus hier entgegen zu treten, diesem Zionismus, der schließlich in der Praxis auch ein Antisemitismus ist. Deshalb müssen Sie überall, wo Sie dem Zionismus begegnen, ihm mit Freundlichkeit, aber mit aller Entschiedenheit entgegentreten und ihn als schwere Gefährdung der eigenen Interessen bekämpfen."