Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 8 (August 1920)
- Date
- 1920-08-01
- Page
- Seite 145 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 145 — Eng verknüpft mit den historischen sind die religiösen Gründe. Zunächst entbehrt unser gesamtes Schrifttum, von den Büchern Mösis an bis zur Jetztzeit, ganz der Behandlung des Staatsrechts. Die wundervollen sozialen Bestimmungen in Bibel und Talmud sind ethischer, religiöser und rechtswissenschaftlicher Natur. Für eine selbständige Staatsverwaltung fehlen die Grundgesetze und Ausführungsbestimmungen. Es war ja auch die Absicht, ein Gottesreich zu gründen, nicht ein weltliches. Schon vor der ersten Zerstörung Jerusalems hatte Jeremias in weitschaueiider Voraussicht die Zukunft Judas geschildert : „Siehe es kommen Tage, da ich mit dem Hause Israel und dem Hause Juda einen naeuen Bund schließe, und dies wird mein Bund sein: ich will mein Gesetz in ihr Inneres legen und ihnen ins Herz schreiben, ich will ihr Gott, und sie sollen mein Volk sein." (Jer. 31, 31—33). Auf diesem Gedanken haben alle Späteren aufgebaut, diese und ähnliche Aussichten derselben und anderer Propheten haben die Lebenskraft des jüdischen Volkes gestärkt und erhalten, ihm seine Zukunftsaufgaben gezeigt : Für die Verbreitung des Gottesgedankens zu leben und zu sterben, um dereinst die Zeit herbeizuführen, in der Gott der Einzige und sein Name einzig sein wird, in der die Erde voll sein wird der Erkenntnis Gottes, in der das Gotteshaus auf Zion zum Bethaus für alle Völker erkoren sein wird. Das ist der messianische Gedanke Israels, das ist die Hoffnung auf die einstige Erfüllung der Jesanianischen Voraussage : „Es wird ein Reis ausgehen aus Isais Stamm, ein Sproß aus seinen. Wurzeln keimen. Auf ihm wird der Geist des Ewigen ruhen, der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht. Er richtet nicht nach Augenschein und Hörensagen, sondern in Gerechtigkeit richtet er die Armen, in Billigkeit die Leidenden, Gerechtigkeit und Treue ist der Gurt seiner Lenden." ( Jes. cap. 11). Nicht politische Selbständigkeit, sondern ein Gottesreich, nicht nationale Staatenbildung, sondern ein goldenes Zeitalter der allgemeinen Gotterkenntnis, das ist die religiöse Zukunft des Judentums. Auf diesen Ton ist unser gesamtes religiöses Schrifttum gestimmt, das ist der Gedankenkern unserer Gebete um Wkderaufrichtung Jerusalems und des Zionstempels. Wenn wir dreimal täglich beten:?,o lasse unsere Augen es schauen, daß Du nach Zion zurückkehrst";