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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1920-08-01 · Heft 8 (August 1920) · p. Seite 144

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1920
Issue
Heft 8 (August 1920)
Date
1920-08-01
Page
Seite 144 (sequence 4)
Language
German
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— 144 — und blieb von da an allein das Panier des Judentums. Die Sehnsucht nach JZion, dem religiösen Zentrum, blieb im Herzen der Juden, aber jeder Versuch, selbständig die Rückkehr zum heiligen Lande zu betreiben, wurde als gegen die Religion verstoßend betrachtet, man harrte sehnsuchtsvoll der Zeit, in der Gott die Vertriebenen Zions zurückführen würde. Erst looo Jahre später versuchte ein schwärmerischer Jüngling, David Alray, unter der Angabe, ein Nachkomme des davidischen Königshauses zu sein, Anhänger für seine messianischen Träumereien zu finden. Die Bewegung endete unglücklich. Wieder 100 Jahre später unternahm ein kabalistischer Phantast, Abraham Abulafia, einen gleich erfolglosen Versuch. Ihm wieder folgte später, zur Zeit des Joseph Karo, des berühmten Verfassers des Schulchan Aruch, ein anderer Kabalist, Salomo Molcho, mit gleichem Mißerfolg. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts trat mit gleichen Phantasien der unselige Sabatai Zewi auf. Sein Versuch wurde mit Strömen Bluts der von ihm verführten Glaubensbrüder bezahlt. Die Hirngespinste Sabatais blieben noch lange in manchen chassidischen Kreisen lebhaft, sind heute noch nicht ganz erloschen, selbst die Tatsache, daß Zewi, um sein Leben zu retten, zum Islam übergetreten war, wird noch heute an manchen Stellen nicht geglaubt. Dadurch erklärt es sich auch, daß 100 Jahre später der abgefeimte Betrüger Jakob Frank lange Jahre eine mysteriöse Rolle spielen konnte. Mit der Zerstörung Jerusalems endete die politische Geschichte Israels und begann die Geschichte des Judentums. Für dieses, als Religionsverband und für die Judenheit als Religionsvolk wurde der Spruch des Propheten Micha: ,,Es ist Dir gesagt, o Mensch, was gut ist, und was Gott von Dir fordert: nichts Anderes, als Recht tun, Liebe üben und in Demut wandeln mit Deinem Gotte" (Micha 6, 8) zum Leitstern für die ferneren Aufgaben. In der ganzen Periode der jüdischen Geschichte, also in einem Zeitraum von über 2000 Jahren, sehen wir nur 70 Jahre einer wirklichen nationalen Selbständigkeit. Und diesen 70 Jahren folgten andere, die das Land zerstörten, seine Bewohner verzehrten und den Untergang beschleunigten. Wir studieren Geschichte, um aus ihr zu lernen und Erfahrungen zu sammeln. Die Ergebnisse unserer Geschichte zeigen klar und deutlich, daß unser Volk aus sich heraus nie das Bedürfnis und das Streben nach nationaler Selbständigkeit gehabt, daß es seinen Zweck stets nur in Religionsübung, nicht in Staatenbildung gesehen. Aus der Geschichte sollen und müssen wir lernen, aus historischen Gründen muß daher das Streben nach bedingter oder unbedingter Selbständigkeit verworfen werden.

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