Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 7 (Juli 1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 135 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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— 135 — Der Mißbrauch, den man von nationaljüdischer Seite mit dem Wort Assimilation bezeichnet, beruht darauf, daß man nur eine unbedingte Lösung des Problems anerkennen will. Agitatoren, wie Feuchtwanger oder Lichtheitn (der Verfasser der offiziellen zionistischen Programmbroschüre) stellen einfach die Devise auf: Nationaljudentum oder unbedingte Assimilation? Etwas Drittes gibt es für sie nicht. Das heißt aber nichts anderes, als daß man ernsthafte ethische Probleme mit leeren Schlagworten lösen will; „nur auf dem Markte wird man mit ja oder nein überfallen". (Nietzsche.) In Wahrheit wird man scheiden müssen. Ist man ein ^tammestreuer Jude nur dann, wenn man alles im Judentum erhalten will, unbesehen, ob es gut oder schlecht, fördernd oder schädlich ist, dann allerdings sind wir Assimilanten. Heißt ein guter Jude sein aber: alle jüdischen Schäden und Schwächen furchtlos bekämpfen, umi so entschiedener für das eintreten, was im Judentum groß und dauernd ist, dann lassen wir liberalen Juden uns an Stammestreue von keiner anderen Richtung unserer Gemeinschaft übertreffen. Es kommt nicht darauf an, o b man sich assimiliert, sondern darauf, w i e man sich assimiliert. (Ein Beispiel: Wenn Ludwig Frank zur Sozialdemokratie kam, so spielten hierbei zweifellos jüdische Motive eine große Rolle. Denn wie man sich auch zu den sozialdemokratischen Parteizielen stellen mag, das rücksichtslose Eintreten für die Enterbten und Unterdrückten ist im besten Sinne jüdisch, ist kennzeichnend schon für die politische Ethik unseres Prophetismus. Auf der anderen Seite: Wenn Frank Wissenschaft und Partei hinter sich ließ, um mit Millionen seiner Brüder sein Leben für das Vaterland in die Schanze zu schlagen, handelte er da nicht im besten Sinne deutsch? So wurde Ludwig Frank ein deutscher Assimilan t. Sollen wir ihn deshalb schelten, sollen wir jenem sozialdemokratischen Ultra nacheifern, der in einer Groß-Berliner Parteiversammlung das Wort vom „Verräter Frank" prägte? Wir deutschen Juden wollen nicht beschränkten Parteifanatismus als Überzeugungstreue ausgeben, und wir wollen — wie immer wir uns zu seinen parteipolitischen Idealen stellen — in dem Assimilanten Frank unser unvergeßliches Vorbild ehren, den guten Juden und den guten Deutschen.) So ist die Frage der Assimilation für die jüdische Gemeinschaft im Grunde analog der Frage der Assimilation jeden einzelnen Bürgers an die Gesellschaft. Die wahre Erziehung kann nicht darauf ausgehen, den einzelnen zu einem möglichst platten und unauffälligen Durchschnittsmenschen zu mindern, aber sie kann ebensowenig darauf bedacht sein, jede seiner Eigenheiten mit möglichster Schärfe der Umwelt