Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 7 (Juli 1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 134 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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— 134 — Da herrscht natürlich das platte Schlagwort und so auch konnte das hohle Gerede vom Assimiläntentum jene erschreckende Bedeutung erlangen, deren es sich heute zuweilen in der jüdischen Agitation erfreut. So werden z. B. in der „Judenfrage*' des Nationaljuden Dr. Feuchtwanger die Anhänger des Zentralvereins einfach damit abgetan, daß sie in den Abgrund des Assimilantentums gewiesen werden. Sehr bequem, aber auch sehr falsch. Nur Buchstabengläubige können meinen, daß ein deutscher Jude, der der Zionistischen Vereinigung angehört, deshalb weniger assimiliert ist als ein Zentralvereinsmitglied, daß der Grad der jüdischen Stammesbewußtheit abgestuft ist, je nachdem jemand seinen Schekel zahlt oder der Vereinigung für das liberale Judentum beitragspflichtig ist. Allerdings soll es Wandervögel geben, die glauben, das Judentum in Erbpacht genommen zu haben, weil sie „Heil" auf hebräisch rufen können. Es ist so gut wie das einzige hebräische Wort, das sie verstehen, und deshalb werfen sie es jedem Vorübergehenden an den Kopf. Gesinnungstüchtige Sportvereinler soll es geben, die von der jüdischen Nationalsprache nur die Turnkommiandos akzeptiert haben. Man nennt das heute „Pflege der hebräischen Kultur". Ich nenne es Erziehung der Jugend zur Unlauterkeit und zur leeren Prahlerei. Ich bekämpfe also den jüdischen Nationalismus in Deutschland nicht nur wegen des Radikalismus der Forderung, sondern vielmehr wegen des mangelnden Ernstes in der Durchführung. Gerade vor dem konsequenten Nationaljuden habe ich die größte Achtung, nämlich, wenn ihm die Pflege der hebräischen Kultur nicht nur Programm, sondern Prinzip der eigenen Lebensführung ist. Solange dies nicht geschieht, solange unterscheiden wir liberalen Juden uns von den Nationalisten im wesentlichen deshalb, weil wir keine Forderung aufstellen wollen, die wir selbst nicht erfüllen. Nicht um den geringeren Grad an Judentum handelt es sich, sondern vielmehr um den höheren Grad an Wahrhaftigkeit und innerer Gewissenhaftigkeit. National judentum ohne wirkliche Kenntnis und Pflege der hebräischen Sprache ist eine Vorspiegelung falscher Tatsachen. Würden wir jemanden, der nur französisch versteht, ernst nehmen, wenn er sich in die deutsche Nation einreiht und für die deutsche Kultur Propaganda schlägt? Wir liberalen Juden verzichten auf die unechte Gloriole des Nationaljudentums und können aus diesem Grunde auch darauf verzichten, das Hebräische programmatisch zur wahren •Sprache der deutschen Juden zu stempeln. Wie aber steht es mit unserem Assimiläntentum?