Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 7 (Juli 1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 130 — Jesus, dem Christus. Sozialdemokratische Tendenzschriftsteller, die alles nur durch ihre Parteibrille sehen, glauben, die von ihm ausgehende Begegnung ais nichts anderes beschreiben zu sollen als eine große wirtschaftlich soziale Revolution. Das ist sicher falsch und nur verständlich bei Menschen, die, selber bar treibender religiöser Kräfte, solche Faktoren auch anderwärts schlechterdings nicht erkennen können. Aber daß es besonders die armen handarbeitenden Klassen in Israel und im ganzen vorderen Orient und in Italien, wohin diese Bewegung sich zuerst verpflanzte, vornehmlich waren, die sich zu dem Messias der Mühseligen und Beladenen bekannten, ist gewiß, und damit auch, daß die prophetischen Ideen, die aufs stärkste im Urchristentum wirkten, als dieses noch von Dogmen und Heiligen nichts wußte, machtvoll im Sinne einer Erhebung und Emporführung der Ärmsten und Gesunkensten sich geltend machten. Die Geschichte des Sozialismus, die im Mittelalter ausschließlich unter religiösem Einfluß stand, kann hier auch andeutungsweise nicht berührt werden. Nur sei auf eine außerordentlich gerade für die Gegenwart bedeutsame Erscheinung hingewiesen, auf die Stellung, welche die verschiedenen Formen des Protestantismus zu diesen politischen Ideen vornehmlich genommen haben. Die Reformation trat in zwei Gestaltungen auf. Für Deutschland war sie das Werk Luthers und seiner Gehilfen; Westeuropa, die Schweiz, Holland, die britischen Inseln und1 vor allem auch Amerika sind durch Calvin und seine Schüler zum evangelischen Gedanken bekehrt worden. Und da können wir beobachten: Der Obrigkeitsstaat, um ein heute gültiges Wort zu gebrauchen — das Staatswesen, in welchem vor allem die ergebene Unterwerfung unter die — wie man uns sagte — von Gatt eingesetzte Obrigkeit gepriesen und verlangt wurde, — das ist die ausdrücklich und mit aller Kraft gepredigte These des lutherischen Protestantismus. Und wenn die preußischen Konservativen diese zu ihrer Staatstheorie erhoben und sie religiös zu verankern suchten, — so hatten sie in ihre .r Weise zweifellos Recht. Demokratie, Volksstaat, die von den breiten Massen mehr oder minder kontrollierte und zur Rechenschaft gezogene Regierung, — das liegt von vornherein dem Calvinismus im Blute. Und wenn diese politische Theorie, welche heute die letzten Winkel der Welt erobert und auch unserm hart geprüften Vaterlande zu neuer Blüte verhelfen soll, gerade von England aus über Frankreich auf das europäische Festland und übers große Weltmeer nach Amerika hinüber gelangt ist, — so liegt das aufs tiefste in der Verschiedenheit der Bekenntnisse begründet. — So sehen wir auch, wie in den angelsächsischen Demokratien, die z. T. die Trennung von Kirche und Staat stets hatten, die öffentliche Stimmung gegen-