Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 7 (Juli 1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 129 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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— 129 — Verknüpfimg des Menschen mit Gott unmittelbar, aber mit einem Gott, der höchst lebendige Persönlichkeit ist, Liebe und Recht heischend und Gerechtigkeit erzwingend. Sie macht menschlich-untertänige Bindungen im Prinzip unmöglich. Der Jude ist im ganzen Verlauf seiner Geschichte innerlich viel freier und selbstbewußter gewesen, als Angehörige jedes anderen bekannten Stammes. Daß Zeiten des furchtbarsten Druckes und der Bedrängnis äußerliche Unterwürfigkeit, Kriecherei, Anbiederungssucht und alle möglichen Untugenden des Geknechteten ihm anerzogen haben, geben wir voller Schmerz zu. Aber jene innere Freiheit, die darin besteht, selbst zu denken, selbst zu fragen, nicht in Kadavergehorsam und Autoritätsglauben zu versinken, besitzt auf der ganzen Welt, wenn wir eine Masse von Menschen, gebildete und ungebildete, selbständige und unselbständige, zusammenfassen, niemand in demselben Maße wie der Jude. E)aß das schwarze Schatten seinerseits wieder werfen kann, Disziplinlosigkeit, Besserwisserei, Vorlautheit, ist unstreitig. Aber hinter diesen Schatten strahlt immer die Sonne des Respekts vor der eigenen Mjenschenwürde, die nur gewahrt ist in eigen denkendem, eigen entscheidendem, persönlichen Wollen. Tausendmal sicherlich Eigensinn. Doch aus dem Eigensinn leuchtet der eigene Sinn hoch über allem Stumpfsinn und aller Faulheit des Denkens heraus. Hier gab es in der antiken Welt nur noch ein einziges Beispiel, welches jüdischem Denken verglichen werden kann, und das in seiner geschichtlichen Auswirkung gemeinsam mit dem Judentum die fruchtbarsten Gedanken der christlichen Welt erzeugt hat. Das ist die Schule der Stoiker im ausgehenden Griechentum. Da, wie dort, keimt zum erstenmal der Gedanke auf, daß es eine höhere, erhabenere Gemeinschaft gäbe als die Nation, nämlich die Menschheit, und daß die Glieder dieser Menschheit, die einzelnen selbstbewußten freien Individuen seien. Humanität und Individualismus, die Verselbständigung, die Emanzipation des Einzelwesens und* ihr Zusammenschluß über allen Chauvinismus und Nationalismus zur Einheit der Menschheit, — das sind Äste eines Stammes, Gedanken, geboren aus dem Geiste, der allem, was Menschenantlitz trägt, Würde, Selbstwert, Eigenlicht zuerkennt. So ist auch aille ernsthafte wirklich religiöse Religion, die keinen andern Weg gehen kann als diesen, stets gegen Gewaltpolitik, völkische Beutegier und ähnliche Weltverbrechen aufgetreten; und auf israelitischem Boden sind die Propheten zu Märtyrern einer laut bekundeten Staatsgesinnung geworden, die nichts wissen wollte von Eroberung, Ruhm und lediglich nationaler Größe. Das gilt nicht minder auch von der Gestalt, die jüdischem Blut entsprossen, und ursprünglich der jüdischen Gemeinde allein zugewandt, Grund des Christentums geworden, von