Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 7 (Juli 1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 127 — Punkte berührt sie sich mit dem Liberalismus. Und doch ist sie etwas ganz anderes zugleich. Demokratie ist Gleichheit, Liberalismus Ungleichheit. Der Mensch, an den man glaubt, dessen gutem menschheitförderndem Trieb man vertraut, sich selbst überlassen, ungegängelt, unbevormundet, der Freiheit seiner Selbstbestimmung überantwortet, so daß der Kreis seines Seins ungehemmt sich entfalten und wachsen kann, das heißt liberaler Geist, der ohne Vertrauen auf das wurzelhaft Gute im menschlichen Willen, auf die Gesundheit seiner Triebkraft nicht besteht. Aber es gibt Starke und Schwache; und kein Glauben wird es aus der-Welt schaffen, daß es Gute und Schlechte, Selbstsüchtige und Selbstlosere gibt. Und so wird das freie Spiel der Kräfte nicht bloß die tiefen Quellen inwendiger Stärke sprudeln und zu gewaltigen Strömen anwachsen lassen; diese Ströme selbst werden die schwachen leise fließenden Bäche überrauschen, in sich aufnehmen, verschwinden machen. Das zeigt sich namentlich aufs deutlichste im ökonomischen Bereich. Die liberale Wirtschaftsordnung, deren wichtigstes Bestandteil die freie Konkurrenz ist, fördert zweifellos mächtiger als jedes andere ökonomische System die Entbindung schlummernder Kräfte. Die Freiheit wirkt Wunder in der Belebung von Industrie und Handel, von jeglichem Unternehmertum, weiß alle Kräfte aufzusaugen und einzupumpen dem mächtig sich entfaltenden Bauni ungehemmten Wirtschaftslebens. Aber wie sie aufbauend wirkt, so reißt sie auch nieder. Das Schwache fällt, und wehe, wenn es die Moral des Starken will, das Strauchelnde zu stoßen. Freiheit, die nichts als Freiheit ist, nicht gebändigt von zielsetzenden, eindämmenden Ideen, ist am Letzten Ende die Freiheit des Verhungerns neben dem wohlgedeckten Tisch des Überflusses. In diesem Sinne bedeutet Demokratie die Verwirklichung der Gleichheit, in der die Menschenwürde tatsächlich und wahrhaft respektiert wird. Und da alles Höhere, Geistige, Ideenhafte nur auf materiellem Grunde, auf wirtschaftlichem Fundamente sich einpflanzen kann, so verlangt echte Demokratie ihre Ergänzung in bestimmten Maßnahmen der gesellschaftlichen Oekonomie. Was ist Gesellschaft, sozial, Sozialismus? Gesellschaft heißen die Menschen oder ihre Gemeinschaft wofern sie, von dem Gesetz der Arbeitsteilung beherrscht, in Reich und Arm, in Bemittelte und Unbemittelte zerfallen. Und Sozialismus im allgemeinsten Sinne ist der Versuch, die furchtbaren Schäden, die an einer arbeitsteiligen, so zerklüfteten Gesellschaft fressen, zu heilen. Wir sprechen noch von keiner besonderen Theorie, von keiner eigenen Antwort auf jene offenkundige Frage; sondern nur die Tendenz, die Richtung und Überbrückung jenes schrecklichen Gegensatzes zwischen Arm und Reich steht zur Verhandlung. Demokratie ohne Sozialismus in diesem Sinne, ohne das ernst-