Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 7 (Juli 1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 123 — reichen Kultur, die unsere Zeit und unsere deutsche Heimat uns schenkte, und an der wir empfangend und schaffend vollen Anteil nehmen, unser Eigenes und Persönliches zu behalten. Wir teilen den Glauben unserer Ahnen, von denen jeder ein Held und ein Märtyrer auf dem Kampfplatz des Geistes war, daß die Idee, der-wir in Stolz und Demut dienen, die Idee von dem einen Gott, der das Gute fordert und von der einen Menschheit, die das Gute zu verwirklichen bestimmt ist, daß diese Idee unbesiegbar ist, und daß jeder von uns berufen ist, Diener am Licht zu sein. Vom Lesen der heiligen Schrift, Von Eduard Strauß - Frankfurt a. M. Wenn es irgend etwas Überflüssiges gibt, so müßte es eigentlich dies sein: daß man dem Juden das Lesen der heiligen Schrift ans Herz lege. Denn man könnte meinen, das eigentlich hieße Jude-Sein, daß diesem Menschen von Anbeginn die heilige Schrift buchstäblich „am Herzen" liege, daß sie ihnen wichtiger sei, als alles, was „Buch" heißt. Wie denn? Die heilige Schrift — kein Bluch? Ja, gewiß: die Unterscheidung führt mitten hinein in das, was diese Zeilen sagen wollen. Von der „heiligen Schrift" ist hier die Rede — nicht von der „Bibel"! Wenn wir als Juden von diesem unserem köstlichsten Besitz sprechen, so sprechen wir nicht von etwas, was zur „Literatur" gehört. Als Gelehrte vielleicht (aber was liegt daran?) sprechen wir von der Bibel in einem Atem mit Koran oder Evangelium — nicht aber als Juden, nicht als Menschen, denen das in der heiligen Schrift Niedergelegte Lebenswegweisung war und ist und sein wird. Die „heilige Schrift" ist ein „Geschriebenes" — es hat in seiner uralt-stolzen Form sich nicht einmal vor der weltumstürzenden Buchdruckerkunst gebeugt — das heilig, herausgehoben, losgelöst, in's Unbedingte gestellt ist. Ist es das, dann kann es nicht zu jener ungeheuren Masse des Geschriebenen und Gedruckten gehören, die man „Weltliteratur" nennt, dann ist und bleibt es dem Juden „Welt" schlechthin, Wort, das lebt und wandert durch alle Zeit hindurch von Mensch zu Mensch — Wort, das am Herzen liegt. Wem sage ich das? Nicht dem, der allsabbatlich die heiligen Worte hört und sich diesem Hören nie entfremdet hat. Ich sage es denen, die suchen. Denen, die im unklar und zielunsicher gewordenen Wandern dieser Tage zur Quelle streben — die das Leben suchen und nicht bloß den Begriff. Nicht den Begriff : denn die heilige Schrift ist weder bloßes geschichtliches Dokument, dessen Verläßlichkeit man mit den Mitteln der Kritik zu beleuchten hätte, noch ist sie gar ein philosophisches System, eine Weltanschauung, deren es gar viele gibt und die man so lange hin