Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 7 (Juli 1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— i22 Leben. Kann es einen tieferen Beweis für die Macht der Idee des Judentums geben, als daß sie es war, sie allein, die eine Gemeinschaft gehalten und getragen hat durch Zeiten so furchtbaren Leideris und so tiefer seelischer und leiblicher Qual, wie sie nie eine Gemeinschaft überdauert hat! Was Israel stark gemacht hat, zu dulden und im Dulden immer wieder neu zu schaffen, das war der Glaube an diese göttliche Idee. Man hat oft gesagt, im Judentum spiele der Glaube eine nebensächliche, das Tun die Hauptrolle. Das trifft nur zu, sofern es sich um den Glauben an Lehrsätze, an Dogmen handelt; aber gerade im Judentum ist alles sittliche Tun aus unerschütterlichem Glauben hervorgequollen, wie Wasser aus einem Felsen quillt, aus dem Glauben an den einen, den heiligen Gott, der die Bürgschaft des Guten in der Welt ist, aus dem unerschütterlichen und in allem Wandel der Zeiten unwandelbaren Vertrauen an eine sittliche Weltordnung, aus der festen Zuversicht, daß jeder Mensch im Ebenbilde Gottes geschaffen sei, und aus der daraus folgenden Verpflichtung» in aller äußeren Not und Drangsal nie seiner Menschenwürde zu vergessen. Aus diesem Glauben kam und kommt dem Juden die Kraft, das „du sollst!" zu hören, den Weg des Leidens und den des Handelns unbeirrt vorwärts und aufwärts zu schreiten. So wird im Judentum Glauben und Handeln, fromm sein und gut sein, Religion und Ethik eines. Jesaias Wort hat sich in Israels Geschichte erfüllt: „Wenn ihr nicht glaubet, so wefdet ihr nicht bestehen." Gerade die Geschichte des 9. Aw führt so deutlich vor Augen, wie der Erfolg stets auf der Seite der Gegner Israels war. Welch inbrünstiger Glaube an sich selbst, an die eigene Idee, gehörte dazu, diesem Erfolge gegenüber fest zu bleiben, sich treu zu bleiben, einer ganzen Welt gegenüber. „Woran die Menge glaubt, ist leicht zu glauben"; aber sein Eigenstes und Persönlichstes fest zu halten, wenn alles zusammenbricht unter dem Siege der andern, dazu bedarf es innerer Zuversicht sieghafter Festigkeit, unbeugsamer Stärke und Treue. Israels Religion war entstanden aus dem Widerspruch gegen alles Bestehende, und durch die Jahrtausende hindurch blieb Israel anders als die andern. Es ist, als ob Jesaias Wort „du sollst nicht alles heilig nennen, was dieses Volk heilig nennt", sich wie ein leitender Faden durch die jüdische Geschichte zöge. Die Juden blieben die andern, die wenigen, die ewige Minorität. Und sind es geblieben bis auf den heutigen Tag. Die letzten Generationen hatten verlernt, jenes prophetische Wort zu hören. Fast schien es, als ob ein letzter 9. Aw für das deutsche Judentum gekommen sei; aber wir, die jüdische Jugend von heute, wir haben wieder den heißen Willen, inmitten der