Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- Seite 112 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2550626-2550633-2550639--149-2550866- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 112 — zerbrechen." Dieses Verhalten gilt aber nur dem Freien, nicht dem Sklaven gegenüber. Fügt jemand einem Sklaven eine ähnliche Verletzung zu, so kommt er mit einer Geldstrafe davon. Ganz anders dagegen das mosaische Gesetz! Auch bei ihm ist derselbe Grundsatz der Schadenersatzleistung vertreten : „Aug' um Auge, Zahn um Zahn." Aber es wird auch vor dem Sklaven nicht Halt gemacht mit diesem Gesetz, wie es überhaupt keine Ausnahmegesetze für den Sklaven in der Bibel gibt. Er ist in ethischer Beziehung ebenso ein Mensch wie jeder Freie. Interessant ist noch ein anderes Gesetz des Chammurabi, das zwar nicht im mosaischen festgelegt ist, aber schon in vormosaischer Zeit seine Anwendung gefunden hat: „Gesetzt, jemand hat eine Ehefrau genommen, darauf hat sie ihrem Ehemann eine Sklavin gegeben, darauf hat letztere ihm Kinder geboren, hernach hat die betreffende Sklavin sich ihrer Herrin gleichgestellt, so darf, weil sie Kinder geboren hat, ihre Herrin sie für Geld keineswegs weggeben. Ein Sklavenmal soll sie ihr machen und sie dann zu den Sklavinnen rechnen." In der Geschichte, die die Bibel von Hagar und Abraham erzählt, finden wir dieses Gesetz verwirklicht. Das liefert uns den besten Beweis dafür, daß das babylonische Gesetz lange vor Mose schon auf palästinensischem Boden bekannt war und befolgt wurde. Daß die babylonische Kultur sich weit über die engen Grenzen des eigenen Landes verbreitet hatte, zeigt sich nicht nur hier und in der Bearbeitung der Mythen bestätigt, sondern auch in Funden, die Ausgrabungen in Ägypten und Palästina selbst ergeben haben. In Tel-el Amara hat man Tafeln gefunden, die den Briefwechsel der Pharaonen Amenophis III. und' IV. und ihren Vasallen, den Fürsten in Syrien und Israel, darstellen, und zwar in babylonischer Keilschrift. Auch in Palästina selbst ist ein Briefwechsel auf solchen Tafeln gefunden worden; es ist dies ein Briefwechsel zwischen zwei israelitischen Stadtobersten, der ebenfalls in babylonischer Keilschrift abgefaßt ist. * So groß ist also der Einfluß der babylonischen Kultur, daß fremde Fürsten sichihrer Sprache als Diplomatensprache bedienen. —- Nach der Wanderung durch die Wüste dringt dann Israel in Kanaan ein, das unter ägyptischer Oberhoheit steht, und setzt sich dort fest. Hier stößt es auf eine völlig neue Kultur und ist gezwungen, sich mit ihr auseinander zu setzen. In vielen Kapiteln schildert uns die Bibel die Zustände in Kanaan, die' Sitten, und .Gebräuche seiner Bewohner. Dieser biblische Bericht wird bestätigt und ergänzt:durch Ausgräbungen in Palästina selbst, wo man bei Geser eine Kultstätte mit Masseben zutage gefördert hat; die uns von der Art der Gottesyerehrung' erzählt.. Masseben sind heilige Steine, die als Symbol der' Gottheit öder als Erinnerungssteine aufgestellt werden. Ein