Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- Seite 111 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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111 ~ Schlechtigkeit der Menschen nicht leiden darf. Einzig und allein die Gerechtigke.itsliebe ist der Grund für die Rettung Noahs. 1 Ähnlich wie der babylonische Schöpfungsbericht ist auch der ägyptische. Hier wird uns ebenfalls von einem Kampf der Götter mit dem Drachen erzählt. Im Gegensatz zurn babylonischen Bericht aber sind die Götter erschaffen, bevor das Chäos da ist. Auch von einer Vernichtung des ganzen Menschengeschlechtes weiß die ägyptische Literatur' zu erzählen. Der Sonnengott ist erzürnt über die Menschen und beratschlagt mit den Göttern, was zu tun sei. Sie beschließen, die Menschen zu vernichten, und eine Göttin wird damit beauftragt. Hier ist es weniger die Form als der Gedanke der Vernichtung des Menschengeschlechtes überhaupt, den die ägyptische Mythologie mit der Bibel gemein hat. So tief und unüberbrückbar der Gegensatz des Gedankengehalts bei den Mythen ist, so groß und genau ist die Übereinstimmung in den Berichten über historische Ereignisse. Gleich in den ersten Kapiteln der Bibel lesen wir eine Aufzählung von 10 Geschlechternamen, die bei Adam, dem ersten Menschen, beginnt und bei Noah endigt; auch die babylonische Literatur kennt eine solche Liste, die sogenannte Königsliste. Hier finden wir ebenfalls eine Aufzählung von 10 Geschlechternamen, deren Lebensdauer, genau wie in der Bibel, als sehr hoch angegeben wird, und deren Namen teilweise mit denen der Bibel übereinstimmen. Dann folgt die Zeit bis zur Einwanderung in Ägypten und der Knechtschaft der Israeliten. Wir hören verschiedentlich von einer Hungersnot in Kanaan, von der ja die Bibel ausführlich erzählt, und ägyptische Urkunden berichten, daß Leute aus Kanaan nach Ägypten gekommen sind, um dort Getreide zu kaufen, aber auch, daß sich Kanaanäer in Ägypten festgesetzt haben. Hierunter werden semitische Nomadenstämme genannt. Zusammenhängende Berichte, die man als feste Quellen ansehen kann, besitzen wir für diese Epoche bis jetzt nur in der Bibel. Erst zur Zeit des Mose finden wir wieder außerbiblische Parallelen. Es ist dies der Kodex des Chammurabi, das älteste Gesetzbuch der Welt, das etwa aus dem Jahre 2000 v. Chr. stammt. Man hat bei Susa ein Relief ausgegraben, das uns den König Chammurabi zeigt, wie er vom Sonnengott die Gesetze erhält, die dann in langen Reihen der bildlichen Darstellung folgen. Unter den Gesetzen finden sich viele, die genau wie die biblischen lauten, namentlich die, die sich auf Schadenersatz beziehen. Eines dieser Gesetze heißt beispielsweise: „Gesetzt, jemand zerstört einem anderen das Auge, so soll man ihm sein Auge zerstören, zerbricht er einem anderen den Knochen, so soll man ihm seinen Knochen