Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- Seite 110 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— HO — in das Chaos bringen und geraten dabei in Streit mit dem Ozean, dem mächtigsten Element des Ghaos. Nun wird .die ganze Schöpfung als ein Kampf zwischen den Göttern und dem Ozean, der als ein Drache dargestellt ist, geschildert; die Welt geht also aus dem Kampf zwischen dem Prinzip des Guten und dem des Bösen hervor. Was hat nun hieraus der biblische Erzähler gemacht? Auch er geht von dem Chaos aus : „Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis bedeckte die Tiefen." Aber über dem Chaos steht Gott als der Mächtige und Erhabene, der die Welt schafft nach seinem Willen und seiner Einsicht, und nicht im Eingen um sein Werk. Nein, es bedarf nur eines Wortes: „Und Gott sprach : es werde Licht! Und es ward Licht." So besteht also ein innerer Unterschied zwischen den beiden Berichten. Während dem babylonischen der ethische Gehalt vollkommen fehlt, ist im biblischen fast nur auf ihn Wert gelegt. Es ist das Wunderbare, daß der israelitische Geist die Kraft gehabt hat, die Mythen, die er übernommen hat, so umzugestalten, daß es keine Mythen mehr sind. Dem religiösen Genius ist es gelungen, die Mythen der Babylonier seinem Wesen ganz anzupassen, indem er die Form übernommen und darein seinen eigenen Geist gegossen hat. Die Darstellung der Bibel ist im Gegensatz zu der babylonischen streng vom monotheistischen Gedanken erfüllt. Für den biblischen Erzähler ist Gott etwas Ewiges, etwas, was da ist, bevor Himmiel und Erde geschaffen sind, für ihn ist Gott der Ursprung alles Geschehens. Auch die Erzählung von der Sintflut ist dem Babylonischen entnommen. Dort wird berichtet, wie die Götter beschließen, die Menschheit durch eine große Flut zu vernichten. Ea aber, einer der Götter, verrät diesen Plan seinem Liebling unter den Menschen und rät ihm, sich ein Schiff zu bauen, in das er sich mit seiner Familie und seiner Habe flüchten könne, Utnapistim tut dies auch und verweilt 6 Tage und 6 Nächte im Schiff, bis dieses auf einen Berg aufläuft. Als die Flut nachläßt, schickt er nacheinander eine Taube, eine Schwalbe und einen Raben aus. Sowohl die Taube als auch die Schwalbe kommien wieder, da sie noch kein trockenes Plätzchen auf der Erde finden können. Der Rabe aber kehrt nicht zurück* Das ist ihm ein Zeichen dafür, daß die Erde wieder trocken ist. Er verläßt das Schiff, um den Göttern ein Dankopfer darzubringen. Die Ähnlichkeit mit dem Bericht der Bibel ist überraschend, und doch, welch ein gewaltiger Unterschied! Auch hier wieder fehlt jeder ethische Hintergrund. Während die Bibel als Grund dieser Flut die Sündhaftigkeit der Menschen angibt, erwähnt der babylonische Bericht überhaupt keinen Grund. Noah wird nicht wie Utnapistim als Liebling Gottes gerettet, sondern weil er ein Rechtschaffener ist, der unter der