Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- Seite 106 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 106 — tätigen, auf dem Entwicklungsgesetz fußenden religiösen Judentum liegt die große, aber furchtbar schwere Aufgäbe ob, das religiöse Leben neu zu bauen. Dazu gehört aber nicht nur Erkenntnis oder Bekenntnis, sondern Betätigung. Und diese Betätigung muß von unten kommen. Die jüdische Jugend miuß sich ihr jüdisches Eltern-, ihr jüdisches Schul-, ihr jüdisches Gotteshaus zurückerobern. Welche Eltern, welche Lehrer und Rabbiner würden ihrem Andringen widerstehen] Im Sturm würde die in jüdischem Haus erwachsene, des Gottesdienstes gewöhnte Jugend die Oligarchie des Verwaltungsjudentums hinwegfegen, die Gemeindestuben breit auslüften und eine jüdische Generation schaffen, die den Nationalismus nicht braucht, den Antisemitismus nicht fürchtet, sondern beide mit jüdischen Waffen überwindet. * Wo aber steckt diese liberal gerichtete und empfindende jüdische Jugend? Mühevolle Arbeit, zum Teil gegen kurzsichtigen Widerstand jm eigenen Lager, hat in etwa zehn Gemeinden jüdisch-liberale Jugendvereine gegründet, die manchem zu Liebe, manchem zu Leide, recht viel frischen Wind in die Segel des Gemeindeliberalismus hinein geblasen haben. Wo aber steckt die Masse der liberalep Jugend? In neutralen Jugendvereinen, wo sie, wenn sie es gut trifft, in liberalem Sinn belehrt wird, von jeder organisierten aktiven Mitarbeit am religiösen und religionspolitischen Leben ausgeschlossen ist. Die wirkliche Orthodoxie hat in den Jugendgruppen des „Misrachi" und der „Agudo", der Zionismus in seiner vielverzweigten Jugendorganisation seine Kerngruppen gesammelt und schlagbereit, höchstens Horchposten stecken in den „neutralen" Vereinen; die liberale Jugend aber verzettelt ihre Schlagkraft in Organisationen, die sie satzungsmäßig von der Betätigung ihres liberalen Judentums ausschließen. Das ist der Krebsschaden für das liberale und damit für das religiöse Judentum* Deutschlands. IJnd nun sollen die „Kameraden" „eine mehr" werden der vielzuvielen Stauanlagen religiöser Wiederbelebung, anstelle freudig-schaffenden Aufbaus im Dienst einer Idee, aber doch einer I d e e tritt eine Gelegenheit mehr, Vorträge zu hören und auf Purimbällen zu tanzen, mit dem befriedigenden Bewußtsein, eine Mizwoh getan zu haben. So geht es nicht weiter. Ich rufe den Kameraden zu: Bescheidet oder entscheidet euch! Wollt ihr ein Sport- und Wanderverein der C.-V.-Jugend bleiben, so habt ihr wenigstens eine begrenzte, aber notwendige Arbeit geleistet. Dann aber laßt uns die Masse der Reiferen, die am Aufbau geistigen Lebens mitarbeiten wollen und sollen. Gebt den Liberalen, gebt den Orthodoxen ihre Jugend für fruchtbare Parteiarbeit. Wollt ihr mehr als turnen und wandern, wollt ihr Hand an-