Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- Seite 105 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 105 — Entscheidung die Zukunft des deutschen Judentums abhängt, muß der Kameradenverband vorbeigehen ohne einzugreifen, ihm sind die Hände gebunden. Und nun die Folgen! Erstens für die jungen Menschen selbst! Ihnen bleibt das Glück des Schaffens versagt, sie dürfen nicht das ins Leben umsetzen, wovon sie lernen, ihnen ist der Segen und die Verantwortung der Entscheidung aus dem Weg geräumt. In der Abwehrarbeit allein — gegen Antisemitismus und Nationalismus — liegt ihr Arbeitsfeld. Beides leistet der Centraiverein besser und schlagkräftiger. Besonderes», Neues kann hier nicht geschaffen werden — überdies droht Zersplitterungsgefahr, wie das Beispiel der Sonderabwehrversuche der neutralen Jugendvereine lehrt. Außerdem erweckt die lokale Kleinarbeit der Abwehr gar leicht das Gefühl, nur negativ tätig zu sein, da der einzelne Ortsverein, geschweige das einzelne Mitglied die gewaltige positive Wirkung organisierter Abwehrarbeit, die in der Zentrale sich deutlich zeigt, kaum zu spüren vermag. Das große Abströmen der Jugend zu den national jüdischen Organisationen ist viel weniger der Kraft der nationalen Idee zu danken — diese durchzudenken, zu werten und zu wägen sind die jungen Leute gar nicht imstande, — sondern der Tatsache, daß die Arbeit für das nationalistisch-zionistische Ideal den dabei Tätigen das Gefühl erweckt aufzubauen, an einer positiven jüdischen Aktion mitzuarbeiten: der Errichtung des nationalen oder kulturellen Zentrums in Palästina, der Umschmelzung der zerstreuten Juden zum Einheitsguß der nationalen Gemeinschaft. Hat unsere nichtnationale jüdische Jugend demgegenüber keine positiven Ziele? Muß man für Palästina arbeiten, um positive jüdische Tat zu tun? Unsere Aufgabe ist eine ebenso große, ist hier in Deutschland zu lösen: wir müssen die Massen zu jüdischer Aktion heranziehen, müssen die riesige Indifferenz, das Pietäts-, das Verwaltungs-, das Trotz- und das Wohltätigkeitsjudentum in lebendiges-, den ganzen Menschen füllendes Judentum umschaffen. Diese Aufgabe kann nur das religiöse, und für die ungeheure Mehrzahl der deutschen Juden nur das liberale Judentum leisten. Denn die volle Erfüllung des Religionsgesetzes — man darf sich natürlich nicht -aussuchen, was am bequemsten ist, — die Erfüllung aller Speise-. Reinheits- und Ehegesetze, die volle Durchführung des alten häuslichen und gottesdienstlichen Ritualgesetzes, die allein die Berechtigung gibt, sich gesetzestreu zu nennen, sie ist für uns nach unserer religiösen Vorbildung und nach den rauhen Notwendigkeiten des Lebens nicht mehr möglich (geschieht übrigens auch kaum bei einem Hundertstel der sich „gesetzestreu" oder ,,konservativ" nennenden Juden). D'em aufbauenden,