Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- Seite 104 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 104 — Zunächst eins vorab! Hätten die Kameradenbünde ihre ursprüngliche Eigenart, die der reinen Wander- und Sportbewegung beibehalten, so wäre dazu nur Zustimmendes zu sagen. Wir müssen unsere jungen Juden körperlich ertüchtigen, wir können es nicht in paritätischen, wollen es nicht in national-jüdischen Wander- und Sportbünden. Also war eine Wander- und Sportbewegung auf C.-V.-Grundlage möglich und nötig. Jede Wander- und Sportbewegung aber hat eine gewisse Altersgrenze, über die hinaus ihr nur eine kleine Schar von körperlich besonders Befähigten und Interessierten treu bleibt. Die anderen wollen in der Hauptsache geistig arbeiten und betrachten Sport und Wandern nur noch als Abwechslung und Erholung. Diese Erfahrung mußten und müssen auch die Kameradenvereine machen. Es haben sich manche Vereine ganz bezw. hauptsächlich, in manchen Vereinen einzelne Abteilungen der sogenannten „Tendenzarbeit" zugewandt, auf der Grundlage der religiösen Neutralität, aber mit deutlicher Spitze gegen das Nationaljudentum. Hier nun setzen meine Bedenken ein, und ich bekenne offen: gewinnt die neue, die „Tendenzrichtung", in dem Verband die Oberhand, so wird der Bund der jüdischen Jugendbewegung keinen Gewinn bringen. Warum? Ich muß etwas weiter ausholen. Vorweg sind wir wohl darüber einig, daß keine jüdische Jugendbewegung mehr ihren Namen verdient, die nur theoretisch arbeitet; mit bloßen Kursen und Vorträgen, so selbstverständlich nötig sie bleiben müssen, fesseln sie diejenigen Besten nicht, die danach drängen, die gewonnene Erkenntnis in die Tat umzusetzen (wobei ich bemerke, daß auch eine theoretische „religiös-neutrale" Erziehung ganz auf der Oberfläche haften muß; sobald man tiefer schürfen will, scheiden sich die Wege des gesetzestreuen und des fortentwickelnden Judentums). Also jede Jugendbewegung — die Bewegung der 18- bis 35jährigen! — muß heut danach beurteilt werden, was sie an jüdischer Tat, an Mitwirkung bei den großen jüdischen Aktionen leistet. Hier sind wir nun beim Kernpunkt und hier heißt es einmal die Wahrheit sagen. Eine „religiös-neutrale" Jugendbewegung kann an der wichtigsten jüdischen Aktion nicht mitwirken, an der Beeinflussung und Gestaltung des religiösen Lebens. Hier bindet ihr die Neutralität die Hände. An keiner Gemeindeaktion (Wahl, Rabbinerberufung, Gestaltung des Gottesdienstes, des Unterrichts) darf sie mitwirken, ja selbst bei der gegenwärtig wichtigsten Aktion in Deutschland, der Schaffung der jüdischen Gesamtorganisation, ist ihr die Mitgestaltung versagt; denn hier überall sind zwischen Liberalen und Konservativen grundlegende Gegensätze. An diesen Gegensätzen, von deren